Sind wir schon da?

31.

08.

2017

neu

China Tour | erzÀhlt von Michl

Es gibt kein FrĂŒhstĂŒck, denn das war in dem Preis nicht mit drin. Wir sind ja schon lange keine FrĂŒhstĂŒcksmenschen mehr und weil wir ja auch schnell weiter möchten, geht es zeitig los.

Wir haben vor der Grenze noch ein paar sehr seltsame Straßen und Umbaumaßnahmen, die wir durchqueren mĂŒssen, sowie den ersten Polizeiposten in Russland.

Weil wir nicht wissen, wie lange es an der Grenze dauert, nehmen wir an einer Tankstelle, welche in Sichtweite zu der Schranke ist, eine Mahlzeit ein. Dann drĂ€ngeln wir uns, wie es sich fĂŒr Motorradfahrer gehört, vor. Die EstlĂ€nder hinter und sind total entspannt, aber die Mongolen blicken uns eher aufgebracht an. Wir sollten in KĂŒrze herausbekommen, warum das so ist. Die FormalitĂ€ten der russischen Grenze sind wieder völlig annehmbar und wir haben wenig Aufwand damit. Es ist halt das typische Anstehen und Laufzettel ausfĂŒllen, was wir schon oft kennengelernt haben. Da es hier nur Blockabfertigung gibt, mĂŒssen wir an dem Grenzzaun kurz warten und die Russen nehmen das hier mit dem Grenzschutz echt ernst. Der Zaun brummt wie ein Bienenschwarm, und das ist aus mehr als 20 Metern zu hören. Warum? Weil der mal so richtig unter Strom steht. Die Warnsirenen, die ab und an darauf hindeuten, dass hier Vorsicht geboten ist, sind leider nur unwesentlich lauter. Doch entweder verbrennt hier alles rĂŒckstandsfrei oder das Wartungs- und Reinigungspersonal ist auf Zack.

Auf der mongolischen Seite wird leider davon ausgegangen, dass man hier die AblĂ€ufe kennt. Denn die Beamtin gibt wortlos einen Laufzettel aus und widmet sich dann wieder ihrem Handy. Anja und ich fĂŒllen war mit einiger Routine alles aus, was uns eingĂ€ngig erscheint, aber dann wird es lustig. Wir pendeln zwischen der Kontrolle der Fahrzeuge und der Eingangskontrolle hin und her. Mal fehlt das eine, dann wieder das andere. Aber dann kommt der Abschuss. Ich schwöre feierlich, dass ich bei den folgenden Zeilen nichts hinzugedichtet habe und auch nichts weggelassen habe. Im Voraus eine Anmerkung: dieses Verhalten, was im Folgenden beschrieben wird, ist nach unserer Beobachtung keine Ausnahme und stellte sich im weiteren Verlauf als der Duktus des gesamten mongolischen Volkes heraus. Aber nun zum Geschehen:

Wir erreichen ein großes Dach, unter welchem die Fahrzeuge kontrolliert werden, wenn man nachweisen kann, dass man eben dieses durch eine Anmeldung einfĂŒhren darf. Das geschieht dann im GebĂ€ude links von dem großen Dach, im zweiten Stock. Wir betreten nach kurzer Suche, da leider nichts in Russisch oder Englisch beschriftet ist, den Raum und es bietet sich folgendes Bild: Es gibt einen verglasten Sicherheitstresen auf der linken Seite des Raumes und eine Reihe Sitzgelegenheiten rechts im Raum. Von den sichtbaren ArbeitsplĂ€tzen hinter dem Sicherheitsglas ist einer besetzt. Vor eben diesem steht eine Traube von ca. 15 bis 20 mongolischen Frauen. Die MĂ€nner sitzen auf den StĂŒhlen und haben einen Blick, in dem die Niederlage des Großen Reiches von Dschingis Kahn nachzuklingen scheint. Ausdruckslos ist hier das Beste, was mir einfĂ€llt. Die Frauen wiederum haben offensichtlich alles an Papieren dabei, was man dabeihaben kann und damit wird gewedelt, dass es ein Wunder ist, dass kein Orkan in dem Zimmer herrscht. Es wird dazu auch noch geschnattert wie auf einem Marktplatz. Anja und ich versuchen das Ende einer Schlange zu identifizieren, jedoch ohne Erfolg. Wir werden einfach ein wenig drĂ€ngeln, ist unser Plan. Da passiert etwas sehr MerkwĂŒrdiges. An der Reaktion der um uns versammelten Frauenhorde kann man auch ablesen, dass mit dem Folgenden niemand wirklich gerechnet hat. Die Dame hinter Glas steht ohne einen Ton auf, schnappt sich ihre Jacke, welche ĂŒber den Stuhl hĂ€ngt, und geht. Das reden verebbt und Ratlosigkeit steht jedem ins Gesicht geschrieben. Diese Situation dauert eine Weile an, wĂ€hrenddessen gesellen sich die EstlĂ€nder, die an der russischen Grenze hinter uns standen, mit in den Raum. Zwei weiße MĂ€nner mit durchaus beeindruckender KörperfĂŒlle. An der Stelle sei gesagt, dass mongolische Frauen und MĂ€nner nicht oft durch das Wort „dĂŒrr“ beschrieben werden können. Just in diesem Moment kommt eine neue Beamtin hinter dem Sicherheitsglas zum Vorschein. Die junge Frau geht an das sĂŒdliche Ende des Tresens und dort versammelt sich augenblicklich die gesamte Herde der Frauen, die außerhalb des Glases warten. Die EstlĂ€nder, Anja und auch ich warten ab. Denn die Beamtin greift sich einen Stift und schlendert dann an das nördliche Ende des Tresens, wobei hier, die Frauenhorde wie ein Magnet auf der Außenseite der Scheibe folgt. An dem nördlichsten Ende angekommen, legt die Dame den Stift ab und begibt sich zur Mitte des Tresens. Der EstlĂ€nder hatte das vorausgesehen und sich wĂ€hrend der Wanderung der Beamtin nicht bewegt, außer vorwĂ€rts an den ersten Platz in der neuen Schlange. Ich ziehe heute noch meinen Hut fĂŒr diese Weisheit. Jetzt geht alles eigentlich seinen Gang. Doch alle Frauen legen jetzt alle Papiere gleichzeitig auf den Tresen und schieben alle drei Sekunden ihre eigenen Zettel ein wenig nĂ€her an den Abgrund in das Innere des Sicherheitsglases heran. Das hat zur Folge, dass die Dame hinter dem Tresen öfter einen kleinen Papierregen ĂŒber sich ergehen lassen muss. Woraufhin sie alles nimmt und ungesehen wieder auf den Tresen stopft. Das verlangsamt natĂŒrlich die Abfertigung von allen. Im aktuellen Moment die Abfertigung des EstlĂ€nders. Der Mann fĂ€hrt nach Papierschauern seine Arme erst an den Tresen heran und dann seitlich aus. Damit schafft er einen papierfreien Raum, in dem jetzt seine Dokumente recht zĂŒgig bearbeitet werden. Ich habe mir das alles abgeschaut und bin beeindruckt. Immerhin weiß ich jetzt wie es funktioniert, aber ich hadere noch mit meiner Erziehung. Das ist nichts, was ich so einfach umsetzten kann. Der Herr ist fertig, dreht sich auf dem Punkt, an dem er steht um die eigene Achse und fixiert mich. Dann reckt er ĂŒber die Köpfe der Frauen den Arm nach mir und sagt. „papers, give me your papers.“ Ich ĂŒberlege nicht lange und drĂŒcke ihm meine und dann Anjas Dokumente in die Hand. Dann legte er alles der Beamtin vor die Nase und zieht mich in die Frauenhorde hinein. Er geht grinsend mit dem Satz „Deutschland, Deuschland ĂŒberrr alles ...“ und damit sind wir die nĂ€chsten Kunden, welche abgefertigt werden.

RĂŒckblickend betrachtet wĂ€ren wir niemals so schnell durch diese Kontrolle gekommen ohne die Hilfe dieses Mannes. Mit den fertigen Papieren ist der Rest alles Routine. Auspacken, einpacken, Stempel holen und ab geht es in die Hauptstadt. Wir treffen einen Koreaner auf dem Weg, der uns ein Hostel empfiehlt und wir nehmen das dann auch tatsĂ€chlich als unsere Unterkunft. Der Weg zur Hauptstadt Ulaanbataar ist, bis auf ein paar HĂŒgel, flach und mit einem schnellen Blick auf den Atlas ist auch klar, dass dies die AuslĂ€ufer des Altai Gebirges sind. Was extrem auffĂ€llt: es gibt hier praktisch keinen Baum. Das Auge hat nichts zum Festhalten und man driftet einfach in die Weite des Landes. Nach mehreren Stunden Fahrt, bei denen Anja und ich konstant das Tempolimit als eine Art Deko betrachtet haben, um normal voran zu kommen, sind wir am Ziel angekommen. Ich wĂŒrde jetzt gern irgendwas Romantisches schreiben, doch leider ist das Ankommen in der Hauptstadt der Mongolei ein Schlag ins Gesicht.

Wir kommen im letzten Tageslicht an. FĂŒr mich waren es 17 Jahre der Planung und der Vorfreude auf diese Reise. Ich hatte sehr gehofft, dass hier ein beeindruckendes Erlebnis auf mich wartet. Oder ich auf einmal ein ganzes StĂŒck weiser oder schlauer bin. Doch ich bekomme keine Luft. Es ist kein Nebel, der ĂŒber der Stadt hĂ€ngt, sondern Smog. Der Industriemoloch, der hier Abgase in die Luft blĂ€st, ist abnormal. Doch ich habe gar keine Zeit mich darĂŒber zu Ă€rgern oder nachzudenken. Mich schneidet ein Bus von links und das ist schon der dritte. Der Fahrer kann eigentlich nichts dafĂŒr, dass er mich nicht sieht, er ist von seinem Handy total abgelenkt. Doch Busse sind nicht das Hauptproblem. Es ist der Verkehr allgemein. Wenn ich an diesem Punkt sage: so etwas habe ich außerhalb von Indien noch nicht erlebt, sollte das zu denken geben. Es ist unfassbar, wie hart Anja und ich und hier mit dem Recht des StĂ€rkeren schneidend, hupend Frechheit und Dreistigkeit durchsetzen mĂŒssen, um nicht stĂ€ndig abgedrĂ€ngt zu werden.

Es hat sogar kurz geregnet, um den Tag noch abzurunden. Doch unsere Laune ist am Boden. Wir sind von dem ersten Eindruck des vorlĂ€ufigen Endes unserer Reise so ernĂŒchtert, dass wir nach dem Einchecken in das Hostel zwar eine Dusche, einen ruhiges Zimmer und das obligatorische Bier zum Ankommen genießen, aber mehr ist nicht drin. Vielleicht wird der nĂ€chste Tag ein wenig mehr Licht bringen. Wir brauchen erst einmal Schlaf.

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