Vom Beichtstuhl zum Schmied

26.

08.

2017

neu

China Tour | erzÀhlt von Michl

Wir sind auf die Autobahn in Richtung Nowosibirsk abgebogen, denn ich habe auf meiner Karte eine Nebenstraße gefunden, die uns schneller Richtung Osten bringt. Das Navi ist noch ohne Karteninfos und wird uns erst wieder in einer Stadt namens Kemerowo helfen können.

Die Straßen sind in einem super Zustand. Wir kommen voran wie der Wind und es ist praktisch kein Verkehr. Die vereinzelten Laster rasen zwar mit gut Hundert Sachen vor sich hin, aber es ist alles schnurgerade und, wie gesagt, erstklassiger Asphalt. Das Wetter wird zwar deutlich frischer, aber wir sind jetzt auch knapp zwei Monate durch WĂŒsten im Sommer gefahren. Da sind wir wahrscheinlich ein wenig ĂŒberempfindlich. Womit wir aber hier sehr viel in Kontakt kommen, im wahrsten Sinne dieses Wortes, sind Insekten. Wir fahren durch Wolken von MĂŒcken durch die innerhalb eines Lidschlages das Visier des Helmes abdunkeln. Weder in Deutschland noch in den WĂŒsten war soviel in der Luft los wie hier in Sibirien. Doch auch an anderen Stellen kann man sehen, dass hier noch mehr im Einklang ist als woanders. Das mag vielleicht seltsam klingen, aber es sind die Kartoffeln, die hier angeboten werden. An den Straßen stehen Eimer oder Kisten, in denen frisches Obst oder GemĂŒse angeboten wird. Da jetzt die Kartoffeln langsam soweit sind, sieht man die also auch öfter stehen. Es muss aber auch an der Erde liegen. Der Boden, der hier umgepflĂŒgt liegt, ist schwarz und riecht noch nach richtiger Erde. Die Felder daheim sehen dagegen schon fast grau aus. Die Natur hat hier ganz offensichtlich noch die Oberhand.

Bei einer kleinen Pause fĂ€llt mir auf, dass die eine Seite vom GepĂ€ck bei meinem Motorrad seltsam tief hĂ€ngt und auch irgendwie ganz schön wackelt. Ich sehe mir das genauer an und, ja genau, es sind zwei Verbindungsteile gebrochen. Das sind auch noch zwei von den vier Teilen, die ich von den Originalhalterungen demontiert hatte. Ich habe hier keine Möglichkeit das irgendwie zu reparieren. Daher fixiere ich alles so gut es geht mit den GepĂ€ckbĂ€ndern und dann fahren wir weiter. Anja lĂ€sst ein wenig mehr Abstand fĂŒr den Fall das wirklich das ganze Teil abbricht und herunterfĂ€llt.

Wir bleiben am Gas und schaffen es in der DĂ€mmerung nach Kemerowo. Leider sehen wir keine Möglichkeit zu campen und fahren dann absteigend nach den Preisen verschiedene Hotels oder Hostels an. Am Ende finden wir eine Herberge in einer Kirche. Dieser Platz wird von einer App vorgeschlagen, ist aber mit dem Hinweis versehen, dass es eigentlich fĂŒr Pilger gedacht ist. Doch man nimmt uns freundlich auf. Sogar die MotorrĂ€der können wir auf dem großen Vorplatz der Kirche parken. Der ist bewacht und von einem gut zwei Meter hohen Zaun begrenzt. Da schlĂ€ft man doch gleich noch viel besser.

Wir sehen bei unserem Zimmer, dass man als Pilger oder Geistlicher schon mal gern eine Dusche mit Massagefunktion hat. Da wir in Barnaul recht „geruchsintensiv“ angekommen sind, duschen wir hier unter dem Motto „Wer weiß, wann es wieder was gibt.“ Hierbei ergibt sich eine nette Anekdote: Anja möchte gern, dass warmes Wasser zehn Sekunden nach Aufdrehen des Hahnes aus der Brause rauscht. Der Russe macht aber lieber Wasserinstallationen, die mehrere Kilometer Rohre zwischen Heizelement und Duschkopf haben. Also gibt die Anja nach zwei Minuten auf und ich gehe ins Bad. Da ich angesichts der Wasserverschwendung ebenfalls nur den Kopf schĂŒtteln kann, aber sonst schmerzfrei bin, lasse ich laufen. Die Zeit, bis die ersten Dampfschwaden aus der Nasszelle dringen, verbringe ich mit dem zweitwichtigsten, was man im Bad machen kann. Ebenfalls nach dem Motto „Wer weiß, wann es wieder ‚ne SchĂŒssel gibt.“ Dann geht es los und ich dusche so heiß, dass man den Rest des Bades locker als Hamam benutzen könnte. Als Anja dran ist, versucht auch sie das heiße Wasser aufzubrauchen. Geht aber nicht. Wenn es mal lĂ€uft, dann lĂ€uft es. Fast möchte man sagen „typisch Russisch“.

Da es in dieser Gegend und auch in der LokalitĂ€t eher weniger Nachtleben hat, gehen wir frĂŒh schlafen und erholen uns. Wir checken noch Mails und posten fleißig, denn der Herr sorgt hier fĂŒr einen guten Empfang. Das FrĂŒhstĂŒck lassen wir an dieser Stelle unkommentiert. Aber soviel sei gesagt: es gab etwas, doch ich wurde das GefĂŒhl nicht los, dass eine Art Fastenzeit ist.

Gestern habe ich bei der Hinfahrt ein paar WerkstĂ€tten gesehen, die so aussahen, als ob man dort was schweißen könnte. Das ist also unser erster Anlaufpunkt und nach kurzem Durchfragen kommen wir zu einer Werkstatt, die Anja und mich sehr an VertragswerkstĂ€tten erinnert, welche wir auch hier in Deutschland haben. Das Schicksal ist einmal mehr auf unserer Seite. Denn obwohl sich mein Russisch mittlerweile ganz gut macht, um gebrochen zu sagen, was ich möchte, einer der Meister in der Werkstatt kann Englisch. Wir sprechen also beide eine Sprache, die wir unzureichend beherrschen und lachen gemeinsam, wenn wir trotzdem verstehen, was der jeweils andere meint. Wir versuchen sogar Ethanol fĂŒr unseren Kocher zu bekommen. Der ist seit dem Campen in Kasachstan praktisch leer und wir finden einfach kein GeschĂ€ft, wo es so etwas zu kaufen gibt. Hier in der Werkstatt bekomme ich dann dafĂŒr eine ErklĂ€rung. Ethanol wird gern verdĂŒnnt und getrunken, denn das ist billiger als Wodka. Jetzt habe ich dann doch wieder Bauchschmerzen, denn vielleicht ist ein Arbeiter auf Ethanolrausch gerade in dieser Sekunde dabei, an meinem Motorrad herumzuschweißen. Wir wurden in einen Wartebereich eskortiert, in dem ich Kaffee bekomme, soviel ich mag und zwei MĂ€nner in grauer Tarnfleckuniform auf ihr Auto warten. Die lehnen gemĂŒtlich auf einer Couch und zocken MMA auf der Play Station. Da mir die Gedanken von meinem brennenden Motorrad nicht aus dem Kopf gehen, trinke ich noch einen Kaffee, denn es könnte ein langer Tag werden, falls das Plastik an der Honda Feuer fĂ€ngt und wir die Maschine löschen mĂŒssen. Die zwei Herren in der Tarnfleckuniform sind GefĂ€ngniswĂ€rter in der ansĂ€ssigen Vollzugsanstalt. Die beiden können ein paar Brocken Deutsch und ich lobe natĂŒrlich, was das Zeug hĂ€lt. Doch die beiden sind ehrlich an Anja und mir interessiert. Wir reden eine Zeitlang ĂŒber dies und das, was uns hierherbringt, wo wir schon ĂŒberall lang gekommen sind, usw. Die zwei wissen sofort wo MĂŒnchen, Berlin und Frankfurt ist, wie viele Einwohner Deutschland hat und sowieso sind die beiden auch weltpolitisch auf einem eindrucksvollen Stand. Ich bin tief beeindruckt, denn wir sind hier in Sibirien und es könnte den beiden Herren mal so was von egal sein, was auf der Welt passiert. Hier wird offensichtlich nicht nur fĂŒr Wodka, sondern auch fĂŒr Bildung gesorgt.

Nach der Kurzweil, die wir hatten, werden wir wieder zu der Maschine gebracht und schon wieder muss ich meinen Hut ziehen. Wir hatten ja Anjas SeitenstĂ€nder in Murghab schweißen lassen und der beeindruckende Klumpen Metall hat einen gewissen Scharm. Ähnliches habe ich auch hier erwartet, doch die Naht ist perfekt. Es wurde eine VerstĂ€rkung zusĂ€tzlich angebracht und alles wurde noch schnell in schwarz lackiert. Dann frage ich nach dem Preis und mir bleibt der Mund offenstehen. Sie wollen kein Geld von uns dafĂŒr, wenn wir einen Aufkleber auf unseren Koffer machen und ein Foto erlaubt ist, geht das alles aufs Haus. NatĂŒrlich lassen wir uns das nicht zweimal sagen, schĂŒtteln HĂ€nde, machen Fotos und kleben den grĂ¶ĂŸten Werbeaufkleber der vorrĂ€tig ist auf meinen Außenkoffer.

Alle sind damit glĂŒcklich und wir machen uns auf den weiten Weg nach Irkutsk am Baikalsee.

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