Dreifaches GlĂŒck

22.

08.

2017

neu

China Tour

Ich kann mich „leider“ nicht mehr an die FormalitĂ€ten des GrenzĂŒbergangs von Kirgistan nach Kasachstan erinnern. Was zumindest eine Aussage zulĂ€sst: es war einfach und schnell – sonst wĂŒrde ich es sicherlich erwĂ€hnen.

Als wir dann in Almaty ankommen, haben wir irgendwie das GefĂŒhl, dass die Menschen in dieser Stadt sich seltsamerweise an die grundlegenden Verkehrsregeln halten.

Wir finden das Hotel, in dem wir unserer Teile abholen wollten. Leider sind unsere Teile nicht da und zu allem Überfluss ist auch kein Zimmer mehr frei. Wir ziehen also gegenĂŒber in das Hotel ein, dass zwar einfach zur Stelle ist, aber leider gut doppelt so teuer.

Irgendwie passen unsere verstaubten Klamotten und unser Geruch auch so gar nicht zu dem Stil des Hotels. Wir sind ja sowas von fehl am Platz, mal wieder. Nach einer Dusche gehen wir dem Herrn an der Rezeption richtig auf den Keks und er sucht uns eine Werkstatt heraus, in der wir vielleicht die Maschinen reparieren können. Da wir alles an GepÀck entfernt, haben fahren wir schnell los, um uns zu informieren, was alles an Teilen in der Werkstatt vorhanden ist.

Die „Freerider“-Werkstatt ist einfach fantastisch. Das ist eine Werkstatt, ein Hostel, ein Ersatzteilladen und eine Bar – nicht zu erwĂ€hnen der Supermarkt und der Dönerladen gleich nebeneinander. Ich bin total hin und weg.

Wir erfahren auch, dass die Betten zwar eher einfach sind, aber echt preiswert und ich muss nicht auf einer Straße versuchen, Anjas Hinterreifen zu wechseln.

Wir beschließen, dass wir morgen vom teuren Hotel ins Freerider ziehen. Aber Anjas Reifen machen wir auf der Stelle. Nach gut 15.000 km hat der es echt hinter sich. Auf dem Weg zurĂŒck gleiten wir wie ein Blatt im Wind durch den Verkehr und dann finden wir ein echtes Restaurant mit Steak, Burger und gutem Bier genau gegenĂŒber von unserem Hotel. Das W-LAN ist so gut, dass wir uns zuhause melden und mit allen telefonieren können. Dann hatte es ja doch was Gutes ein wenig tiefer in die Tasche zu greifen.

Als wir am nĂ€chsten Tag das Hotel verlassen, denke ich fast, dass wir ein „Puh“ der Erleichterung hören. Die Rezeption war nie unfreundlich oder ruppig zu uns, aber irgendwie ist das Personal schon sehr freundlich, als wir gehen.

Na ja, soll uns recht sein. Wir sind ja auch froh auf einen Schlag von Bikern umgeben zu sein, die alle wichtige Informationen haben. Ich gebe auch zu, dass ich eine Werkstatt vermisst habe, in der ich das GefĂŒhl habe, richtig an den MotorrĂ€dern arbeiten zu können.

Ich mache vieles an den beiden Maschinen sauber wie Luft- und Benzinfilter, Ketten, Bremsen, mache sogar einen Ölwechsel an der BMW. Die Twin bekommt ja regelmĂ€ĂŸig neues Öl, denn die verbrennt ja immer einen kleinen Teil. Ich kann sogar ein wenig an meiner umgebauten Benzinpumpe aus Georgien verbessern.

In genau dem Moment, als ich denke, es kann gar nicht besser laufen, kommt ein RumĂ€ne an, der einen Reparatursatz von Anjas Wasserpumpe dabeihat. Ich unterhalte mich mit ihm und er rĂ€t mir, dass wir als erstes die Schrauben fester anziehen sollten. Oft hilft das schon, um die Dichtung ein wenig nachzustellen und wir mĂŒssen nicht die halbe Maschine demontieren, um an die Pumpe zu gelangen. Mit einem Ersatzteil im GepĂ€ck lasse ich mich ĂŒberzeugen, denn wir haben ja nichts zu verlieren. (Übrigens haben wir das Ersatzteil unberĂŒhrt bis nach Deutschland mitgebracht, da „die Schrauben fest ziehen“ das Problem, dass uns etliche schlaflose NĂ€chte gekostet hat, innerhalb von fĂŒnf Minuten gelöst hat).

WĂ€hrend dem Umbau lerne ich Ian kennen, der den Motor seiner XLR neu aufbaut. Er zeigt mir den alten Kolben aus seinem Motor, der ein Loch hat. Ian erzĂ€hlt, dass er knapp 80 km von Almaty entfernt einen Motorschaden hatte und seit knapp 40 Tagen hier in Kasachstan sitzt. Er ist ein netter und lebhafter Mensch, den ich sofort ins Herz schließe. Sein sehr spezieller Humor ist dann noch die Kirsche auf dem Eis.

Ian steht kurz davor die XLR wieder in Betrieb zu nehmen und ich habe auch nicht mehr viel zu machen. Daher wÀchst der Gedanke, dass wir zusammen weiterfahren könnten.

Es sind noch weitere GÀste in dem Hostel. Da ist Anton, ein Tscheche, der auf seiner BMW 1200 schon zum zweiten Mal eine so weite Tour macht; der bereits erwÀhnte RumÀne, der aber in die andere Richtung unterwegs ist, sowie eine Frau, ebenfalls aus RumÀnien, die sich kurzerhand mit dem anderen RumÀnen zusammen tut.

Anton, Ian, Anja und ich entschließen in das zugehörige Pub neben an zu gehen. Es ist Ians letzter Abend und mit dem Personal ist er inzwischen per Du, darum will er unbedingt noch einmal ein Steak dort verdrĂŒcken.

Als wir eintreffen, stellen wir fest – es ist Spezial-Abend. Alter Falter und wie Spezial! Wir warten drei Stunden auf unser Essen und dĂŒrfen dabei Musik lauschen, deren LautstĂ€rke weit ĂŒber der Schmerzgrenze ist. Spezial ist auch, dass die Musik noch nicht einmal gut ist.

Wir bestellen einfach weiter Bier, denn es klappt wenigstens, dass die Bedienungen das flĂŒssige Brot schleunig heranfahren. Somit haben wir leichte Schlagseite, als wir das Pub verlassen und kommen auf den Gedanken, dass wir noch ein wenig Bier kaufen und im Freerider weiter trinken.

Es ist Freitag, daher ziehen wir das einfach durch. Außerdem haben die SupermĂ€rkte hier praktisch 24/7 offen. Das muss genutzt werden. Wir nehmen auch noch genug Stoff mit, um die beiden RumĂ€nen zu versorgen.

Wie vielleicht zu erwarten ist, schlafen wir alle aus. Erst gegen Mittag haben wir alles gepackt und sind in der Verfassung, um uns auf die Maschinen zu setzen. RĂŒckblickend betrachtet, hĂ€tten wir intensiver duschen sollen.

Wir arbeiten uns in den nĂ€chsten Tagen durch Kasachstan Richtung Semei bis zur russischen Grenze. Das sind 1.400 km zu fahren, doch da die XLR von Ian eher fĂŒr das GelĂ€nde als fĂŒr das lange Geradeausfahren gedacht ist, ĂŒberhitzt die Maschine immer wieder. Die Maximalgeschwindigkeit ist 80 km/h.

Windschattenfahren, wie ich das mit Alex in Tajikistan schon gemacht habe, verhindert aber die eh schon geringe KĂŒhlung. Um also einen weiteren Motorschaden vorzubeugen, halten wir regelmĂ€ĂŸig, was den Zigarettenpausen von Anton und Ian sehr entgegenkommt. Leider ist damit die Ausbeute der Kilometer, die wir fahren können, geringer als möglich.

An den Stellen jedoch, wo die Straße nicht nur mit LĂ€ngs- sondern auch mit Querwellen UND Schlaglöchern daher kommt, zieht Ian davon und startet die Zigarettenpause schon mal ohne Anton.

Trotz allem haben wir eine tolle Zeit. Wir lachen viel, helfen uns und lernen Dinge ĂŒber einander, die man wahrscheinlich nicht mit einem Fremden teilt, aber zusammen zu reisen, bringt einen manchmal nĂ€her, als einem lieb ist und wir werden ĂŒber die kurze Zeit fast zu einer kleinen Familie.

WĂ€hrend wir uns also durch die Ebenen von Kasachstan arbeiten, stellen Anja und ich immer wieder fest, wie unser Fahrkönnen gewachsen ist und wie selbstsicher wir ĂŒber Straßen fahren, bei denen wir noch vor ein paar Wochen im Standgas gefahren wĂ€ren. Wir halten nicht mehr an Hotels an, sondern campen, um so viel Tageslicht wie möglich auszunutzen und die Strecke schnell hinter uns zu bringen. Jeden Abend machen wir Lagerfeuer, kochen und erzĂ€hlen.

Am dritten Tag bekommen wir auf einmal kein Benzin mehr und mĂŒssen praktisch in Sichtweite zu einer Tankstelle kampieren. Zu unseren VorrĂ€ten zĂ€hlen auch stets Wodka und Bier, daher kann uns kaum was passieren. Auf der ganzen Strecke mĂŒssen wir zweimal anhalten, weil Ians Auspuff und KrĂŒmmer Risse haben sowie wichtige Schrauben und Teile verlieren. Das merkt man zum GlĂŒck gleich an der Kompression, der fehlenden Leistung und den Schrauben und Teilen, ĂŒber die der Hintermann drĂŒberfĂ€hrt.

Anja und ich hatten den Eindruck, dass die Strecke in weiten Teilen eintönig und langweilig war. Aber wir hatten ja zum GlĂŒck die anderen beiden dabei, die uns immer wieder versichert haben, dass das hier der aufregende Teil des Landes sei.

Zu Kasachstan haben Ian und Anton, die beide aus der Westrichtung gekommen sind, nur einen Satz: „It‘s shit“. Und Ian, der ja schon so viele Tage hier mit seiner Reparatur verbracht hat, will nur noch nach Russland und raus aus Kasachstan.

Wir beeilen uns und kommen nach ein paar Tagen an die russische Grenze. Anton und auch Ian haben eine etwas andere Route hinter sich als wir. Sie beide haben den Iran umfahren und sind bereits einmal in Russland gewesen. Bei ihrer letzten Einreise hatten sie allerdings nicht gerade viel GlĂŒck. Jeder der beiden hat eine andere Horrorstory auf Lager. Anja und ich sind gespannt.

Es gibt eine Showeinlage von den Grenzbeamten auf der kasachischen Seite. Er lĂ€sst seinen Drogenhund ĂŒber alle unserer MotorrĂ€der springen, klettern und schnĂŒffeln. Doch Willi Wuff hat außer der Akrobatik nicht viel drauf.

Auf der Russischen Seite warten wir halt wie alle anderen in einer ewigen Schlange, aber auch hier klappt alles reibungslos. Wir mĂŒssen mal wieder alles abnehmen und aufmachen, doch das ist es dann auch schon mit der Kontrolle.

Ein paar Hundert Kilometer vor Barnaul schlafen wir das letzte Mal in unserem kleinen Konvoi im Freien und machen ein schönes Lagerfeuer. In Barnaul erwartet uns endlich eine richtige Dusche und danach werden wir uns von Ian und Anton verabschieden, die sich dem Hinterland der Mongolei stellen, wĂ€hrend wir die „lange Strecke“ durch Russland nehmen – was jedoch in weniger als der HĂ€lfte der Zeit zu bewerkstelligen sein sollte.

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