Schafkacke und Ersatzteile

18.

08.

2017

neu

China Tour

Wir kommen nach unserem Fr├╝hst├╝ck gut aus dem Flussbett heraus, aber die Strecke verwandelt sich auf einmal wieder in dieses uns├Ągliche Wellblech. Erneut kommen wir kaum vorw├Ąrts und k├Ąmpfen mit unserem K├Ârper und der Stra├če.

Es ist wirklich faszinierend, dass die Motorr├Ąder das alles weiter mitmachen ohne einfach unter unseren Hintern auseinanderzufallen. Wir versprechen den beiden treuen Maschinen, dass sie eine ganz tolle ├ťberholung und vielleicht auch eine W├Ąsche bekommen, wenn wir wieder zu Hause ankommen. Als wir an diesen Tag langsam an das Ende der Strecke kommen, brennen uns alle Muskeln im K├Ârper. Wir sind total kaputt und motivieren uns gegenseitig, indem wir die letzten Kilometer als Countdown auf dem Tacho z├Ąhlen.

Wir m├╝ssen noch einen Pass hinauf und kommen dann an den See Song-Kul. Der Anblick, so wurde uns gesagt, ist wie in der Mongolei. Ob das stimmt, werden wir sp├Ąter best├Ątigen oder dementieren k├Ânnen. Doch es sieht herrlich aus.

Der See liegt still und flach vor uns, es gibt buchst├Ąblich keine B├Ąume hier und die wilden Pferde grasen v├Âllig unger├╝hrt von unserem Motorenl├Ąrm. Doch was uns auff├Ąllt: wir sind wieder auf sehr hohes Terrain gekommen. Es ist selbst in der Kombi ganz sch├Ân frisch. Wir beschlie├čen daher, dass wir in ein Jurtencamp gehen, von denen es gleich mehrere am Seeufer gibt.

Wir bekommen eine kleine Jurte f├╝r uns allein und brauchen kein eigenes Zelt aufbauen. Als wir dann unser Essen auf unserem Kocher zubereiten, f├Ąllt uns auf, dass hier viele Touristen sind, die aber aus irgendeinem Grund kein Fahrzeug dabeihaben. Wir denken im ersten Moment daran, dass wir in ein Backpackercamp geraten sind. Da kommen ein paar Leute mit Rollkoffern an. Die beiden haben einen Fahrer und einen Fremdenf├╝hrer dabei.

Wir stellen fest, dass die ganzen Menschen eine Art Pauschaltouristen sind, die sich f├╝r das Outdoorerlebnis aus Bischkek f├╝r eine Nacht in die Berge fahren lassen. Die meisten Frauen schminken und stylen sich sogar, bevor es zum Abendessen in die gro├če Gemeinschaftsjurte geht.

Alter Falter, wir kommen uns total schmutzig und zerlumpt vor. Wir haben mal wieder seit ein paar Tagen nicht geduscht, aber echt hart auf den Motorr├Ądern gearbeitet ÔÇô soll hei├čen: wir haben ein intensives Aroma. Wir kochen auch selbst und essen mitten auf der Wiese.

Mit den anderen Reisenden haben wir irgendwie so gar nichts gemein und finden auch nicht wirklich ein Gespr├Ąchsthema bis auf ein paar Wanderern aus der Schweiz, mit denen wir schlie├člich doch noch einen netten Abend haben.

Trotz der Isolation der Jurte ist es schlie├člich ganz sch├Ân frisch, als wir uns schlie├člich schlafen legen und kurz bevor ich selbst den Ofen in der Jurte anfeuern m├Âchte, erscheint einer der Gastgeber des Jurtencamps mit einer Dose voll Petroleum und ein paar St├╝cken trockener Kacke.

Erst wird alles gut mit Brennstoff getr├Ąnkt und schon bald haben wir ein sch├Ânes warmes Feuer in der Jurte, das zugegeben ein wenig seltsam riecht, doch wir haben damit ergr├╝ndet, was hier so seltsam duftet und sind erleichtert das es nicht von uns kommt.

Wir schlafen wie die Babys und haben es wunderbar warm. Am n├Ąchsten Morgen kaufen wir uns ein Fr├╝hst├╝ck wie alle anderen Touristen, was daran liegt, dass wir selbst nicht mehr viel dabeihaben. Dann genie├čen wir die Fahrt durch die Berge und umrunden den Song-Kul bis zu der Hauptstra├če, die uns auf super glattem Asphalt zur Hauptstadt von Kirgistan bringt.

Wir haben herausgefunden, dass China hier ÔÇô wie in vielen der Stan-L├Ąnder ÔÇô anf├Ąngt einen wirtschaftlichen Einfluss aufzubauen. Die neuen Stra├čen hei├čen ├╝berall ÔÇ×die chinesischen Stra├čenÔÇť und sind herrlich glatt, im Vergleich zu den lausigen und holprigen kirgisischen Stra├čen.

An einer Baustelle fragen nach dem Weg und bemerken, dass der Vorarbeiter Chinese ist, wobei alle anderen Arbeiter Kirgisen sind ÔÇô das l├Ąsst doch tief blicken. Wir vermuten stark, dass China hier seine Art des Wirtschaftskrieges mit Stra├čenbau f├╝hrt. Im Verlauf der Reise finden wir diese Theorie immer mehr best├Ątigt ÔÇô ein gut ausgebauter Landweg von Asien nach Europa und die wirtschaftliche Bedeutung ist ja heute genau die gleiche wie zu der Zeit von Marco Polo. D├╝rfte sehr aufschlussreich sein, wie sich diese armen L├Ąnder hier langfristig nach China ausrichten.

Aber weg von der Politik. Wir kommen nach Bischkek und sind nicht ├╝berrascht, dass die Fahrweise hier sehr ruppig und die Stadt an sich selbst nur ein Industriemoloch ist. Wer zur├╝ckzieht hat immer das Nachsehen. Doch wir sind ja nicht erst ein paar Stunden unterwegs, also w├╝hlen wir uns mal wieder durch. Wir haben ein Hostel gebucht und das Navi leitet uns sicher, doch dieses Mal haben wir Pech. Besser gesagt: ich bin zu langsam.

An einer Kreuzung schichten sich die Linksabbieger wie meistens nebeneinander auf und versuchen schneller zu sein als der jeweils andere. Damit verbreitern sie aber die Spur auf mehr als 5 Autos, bis einer der Abbieger die Geduld verliert und wieder in den normalen Verkehr einschert. Da wir geradeaus wollen, fahren wir an der ganzen Schlange links von uns vorbei. Nun komme ich mit F├╝nfzig auf den ausscherenden Minibus angeflogen und der Typ blockiert meinen Weg. Ich ziehe am Lenker und versuche die Maschine zu kippen, doch ich schaffe es nicht die Gegenbewegung zu Ende zu bringen und die Maschine rutscht ├╝ber den Frontreifen weg. Das muss ich noch ├╝ben.

Das Ende vom Lied ist: ich liege mitten auf einer Kreuzung und versuche gleichzeitig wieder auf die Beine zu kommen, dem Busfahrer die Leviten zu lesen und einen Befund ├╝ber eventuell gebrochene Knochen zu erstellen. In der Praxis sieht das so aus: Laut schreien, um dem Typ in seinem Bus zu zeigen was der mich alles kann (wobei ich Anja im Funk praktisch ins Ohr br├╝lle), das Motorrad aufrichten und gleich wieder aufspringen, bevor ich den Bus aus den Augen verliere und um die Stra├če frei zu machen, wobei schon etliche Autos hupen, anstatt Anteil an meinem Schicksal zu nehmen.

Der aufmerksame Leser stellt fest, dass es hier zu der einen oder anderen Gegens├Ątzlichkeit kommt. Nach den ersten lauten Worten, die meinen Mund verlassen und die ein K├Ârperteil und eine geistige Unterlegenheit einer Person zuordnen, verstumme ich also. Dann gebe ich nach drei schnellen Schritten die Verfolgung auf, da der Typ beschleunigt und hebe die Maschine wieder von der Stra├če auf.

Anja wei├čt mich nachdr├╝cklich daraufhin, dass ich nicht mehr ins Mikro schreien soll und beklagt ein Klingeln in den Ohren. Ich bin untr├Âstlich, aber doch auch gl├╝cklich, dass die Koffer an der Maschine weiterhin halten. Der restliche Weg ist nicht mehr weit und wir sind auch sehr froh, dass wir bis auf eine Engl├Ąnderin die einzigen sind. Die folgenden Tage richte ich die Sch├Ąden an meiner Maschine und bringe auch ├ľl und besonders das K├╝hlwasser von Anjas Maschine wieder auf Stand. Die restliche Zeit erholen wir uns, reden viel mit Ray, der Engl├Ąnderin, und erfahren viel ├╝ber das Reisen mit dem Fahrrad.

Ich erkenne, was f├╝r ÔÇ×weicheierreisendeÔÇť Motorrad Fahrer sind. Aber ich m├Âchte auch auf keinen Fall tauschen. Das Minimum an Luxus, dass wir uns ab und an g├Ânnen, m├Âchte ich einfach haben.

Besonders bei langen Stecken durch Ein├Âde, die uns schon nach vier Tagen sehr langweilt, muss ein Radfahrer, je nach Profil der Strecke, zum Teil wochenlang an einigen St├╝cken knabbern.

Mir fehlt dabei einfach der Zugang, um das erf├╝llend zu empfinden. Doch wer wei├č, was noch alles im Leben passiert.

Nachdem wir wieder startbereit sind, machen wir uns auf den Weg nach Almaty. Das ist eigentlich gar nicht so weit weg, aber halt in Kasachstan und dort warten ja schon unsere Ersatzteile auf uns. Das Hotel, an das wir die Teile liefern lassen, ist zwar seltsam ruhig und reagiert nur langsam auf unsere Mails, doch wir haben Hoffnung.

Von dem Grenz├╝bergang habe ich schon in einem Forum gelesen. Da soll es eine Abzockestation geben, bei dem ein Stoppschild konstant mit einer Videokamera ├╝berwacht wird. Da m├╝ssen wir drauf achten, dass die korrupten Polizisten uns nicht dran bekommen. Mit dem Gedanken fahren wir los. Es sind nur knapp 50 Kilometer zum ├ťbergang und wir sind bereits innerhalb der russischen Union, sollte also alles recht gut laufen.

Als wir auf der kirgisischen Seite ankommen, gibt es mal wieder eine Art Bus-Taxi-Transport und Umschlagstation. Das muss man sich folgenderma├čen vorstellen: auf einer Strecke von 400 Metern stehen ├╝berall Busse, Autos, Taxen, Menschen mit Gep├Ąck, Kinder und Tiere dicht an dicht. Man hat das Gef├╝hl, man muss ├╝ber einen Marktplatz fahren, bei dem es an jedem Stand gerade etwas gratis gibt. Ab und an gibt es L├╝cken in dem Gedr├Ąnge und das nutzt man nat├╝rlich aus.

In genau so einer L├╝cke, in der Anja und ich Gas geben, um die letzten Meter hinter uns zu bringen, sehe ich ein Stoppschild und denke mir: ÔÇ×Wer baut denn hier so einen Mist hin?ÔÇť, als ich das vertraute Trillern einer Polizeipfeife h├Âre. Die Wegelagerer haben uns doch tats├Ąchlich erwischt. Ich bin ja so was von sauer - doch zum einen ist weiterfahren keine Option, denn der Grenz├╝bergang ist gerade mal einhundert Meter vor uns. Das kann sogar der kleine Speckklumpen laufen, der mich gerade angrinst und er wird uns wahrscheinlich auch antreffen, weil wir warten m├╝ssen. Doch das Schicksal hilft mir in diesem Moment.

Ich muss warten, um die Stra├če zu ├╝berqueren, weil genau in dem Moment gleich drei weitere Autos ├╝ber das Stoppschild fahren. Jetzt grinse ich. Als ich sein kleines B├╝ro betrete, hat er gerade ein Buch der StVO in der Hand, sucht die abgegriffene Seite mit dem Stoppschild raus und h├Ąlt es mir unter die Nase.

Bevor er jetzt das Video zur├╝ckspielt und mir zeigt, was wir falsch gemacht haben, frage ich ihn in meinem rudiment├Ąren Russisch ob er ernsthaft uns anh├Ąlt, aber alle anderen Autos vor und nach uns nicht. Dann beginne ich zu lachen, klopfe ihm freundschaftlich auf die Schulter und verlasse immer noch lachend das B├╝ro.

Dann steigen wir auf, fahren weiter und ich bin stolz wie Bolle auf diese Aktion. Wenn man n├Ąmlich zuhause sitzt, den Mund aufrei├čt und gro├če T├Âne spuckt ist das leicht. Wenn man allein in einer fremden Sprache einem Mann mit einer Waffe gegen├╝ber steht, ist das was anderes.

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