Tage 101 ÔÇô weiter gehtÔÇÖs

11.

08.

2017

China Tour | erz├Ąhlt von Michl

Seit gestern sind wir mehr als 100 Tage unterwegs. Das hat f├╝r uns schon einen sehr eindrucksvollen Klang. Wir haben zum einen den Blick nach vorn gerichtet und sind gespannt, wie es gelingt den h├Âchsten Pass im Pamir mit 4.670 Metern zu ├╝berwinden. Gleichzeitig sehen wir die Seiten aus dem Blog oder bl├Ąttern im Notizbuch. Dann kommen uns einige Erlebnisse vor wie aus einem anderen Leben.

Nachdem wir jetzt das Groh des Pamir geschafft haben, m├╝ssen wir tats├Ąchlich das erste Mal schwei├čen und basteln. Ich mache als erstes die Routinewartungen an den Maschinen. Alex hat seine Einstellungen an dem Vergaser abgeschlossen, m├Âchte aber noch seinen Auspuff von dem ans├Ąssigen Metallbearbeiter ausr├Ąumen lassen, um Gewicht zu sparen. 

Da die Edelstahlhalterung vom Auspuff an der BMW von Anja weggebrochen ist, muss ich auch dort hin. Wir m├╝ssen nicht lange suchen, denn die Werkstatt ist der Knaller. Als Geb├Ąude steht hier eine Buskarosse, die in der Mitte durchgeschnitten ist. Die Fenster sind mit Holz verrammelt, damit niemand vom Schwei├člicht geblendet wird.

Der Generator ist ein chinesischer Traktormotor, der an einen aufgeschnittenen Elektromotor angeschlossen ist. Alle Anschl├╝sse und Kabel sind offen oder maximal grob mit Stoff umwickelt, um einen Kurzschluss zu verhindern. Doch das Beste ist, dass der Motor jedes mal gekurbelt werden muss und das ├ľl konstant nach allen Seiten spritzt, wenn er l├Ąuft.

Leider ist es nicht m├Âglich die Reste von Anjas Auspuffhalterung wieder zu etwas Sinnvollem zusammen zu f├╝gen. Daher bauen wir spontan eine neue Halterung. Ich habe sehr viel Respekt vor dem Mann, der beim Schwei├čen sein Augenlicht lediglich mit einer falschen Ray-Ban Sonnenbrille sch├╝tzt. Aber ich vermute, dass er die meiste Zeit die Augen einfach zu hat.

Ich musste dabei nur ein Teil festhalten und konnte bei diesem Schwei├čbogen nach den ersten zwei Sekunden nichts mehr sehen - obwohl ich versucht habe, die Augen so fest zusammen zu dr├╝cken wie es geht.

Als die neue Halterung f├╝r den BMW fertig ist, nehmen wir den Auspuff von Alex auseinander und w├Ąhrend wir das tun, kommen auf einmal Mirco und Honsa vorbei. Wir sind zuerst verbl├╝fft, aber freuen uns nat├╝rlich auch. Die beiden haben keine Erlaubnis bekommen das Tal zu befahren. Dazu braucht man ein extra Papier, das aber von hieraus nicht zu bekommen ist. F├╝r die beiden aber kein Problem, es gibt hier noch soviel zu fahren. Dann suchen sie sich halt eine andere Strecke.

Leider haben auch die beiden einige Verluste vom Pamir zu beklagen und m├╝ssen hier auch Reparaturen durchf├╝hren. Es dauert den ganzen Nachmittag, bis wir den Auspuff von Alex auseinander geflext und wieder zusammengeschwei├čt haben. Ich bezweifle sehr stark, dass die Aktion wirklich was gebracht hat, au├čer dass die 125er jetzt genauso klingt wie ein Traktor. Aber wir haben alles wieder zusammenbauen k├Ânnen und sind fertig f├╝r die Weiterfahrt.

Am n├Ąchsten Morgen verabschieden wir uns schnell von Mirco und Honsa und machen uns auf den Weg zum Pass. Wir sind uns sicher, dass wir die beiden wiedersehen werden und Mirco hat sogar fast den gleichen Weg wie wir. Er will auch um den 3. September in Ulan Bator in der Mongolei sein.

F├╝r uns geht es am Karakkul See vorbei und wir genie├čen die Aussicht. Gleichzeitig sind wir alle sehr gl├╝cklich, dass die Ver├Ąnderungen an der 125er tats├Ąchlich Ergebnisse gebracht haben. Wir fahren mit guten 80 km/h dahin.

Da stottert der Motor auf einmal und Alex muss auf die Reserve schalten. Wir ├╝berschlagen schnell den Verbrauch und kommen auf circa sechs Liter, anstatt der normalen drei f├╝r einhundert Kilometer. Man, das wird sehr interessant, denn bis zur n├Ąchsten Tankstelle ist es ein ganzes St├╝ck plus den Pass, an dem wir wahrscheinlich ordentlich Benzin lassen werden, aber umkehren kommt nicht in Frage.

Die Strecke wird nur langsam steiler, aber wir machen konstant H├Âhenmeter. Der H├Âhenmesser klettert auf 4.200 Meter. Auf den letzten knapp 500 Metern wird es spannend. Der Pass gibt von einem Moment auf den anderen alles. Schnee, Hagel, steiler Anstieg, keine Stra├če mehr, Schotteruntergrund, Gegenwind, der in kr├Ąftigen B├Âen kommt und einen fast von der Maschine weht. Doch es hilft nichts.

Wir erreichen den h├Âchsten Punkt, rei├čen uns die Helme vom Kopf und jubeln unsere Erleichterung und Freude in den Wind. Wir machen Fotos, lassen unsere Drohne fliegen und merken fast nicht, wie kalt es wirklich ist. Sogar ein Foto von unseren nackten Hintern machen wir. Wir sind total ausgelassen und k├Ânnen gar nicht mehr aufh├Âren zu grinsen.

Dieser Ort hier ist nur eine Stra├če und wir sind bei Weitem nicht die ersten und nicht die letzten, die diesen Weg kommen, aber es wird auf immer ein Highlight in unserem Leben bleiben hier gewesen zu sein.

Diese Erkenntnis wird einem aber erst bewusst, wenn man an solchen Orten ist und realisiert, warum Menschen auf Berge steigen, reisen oder Orte aufsuchen, die weit weg von allem Bekannten sind. Das Erlebnis f├╝r eine Sekunde eins mit sich zu sein und eine tiefe Erf├╝llung zu empfinden, ist der Grund, warum man die Beschwernisse auf sich nimmt und Freunde und Familie zur├╝ckl├Ąsst. Gleichzeitig ist es die Begr├╝ndung, warum sich immer wieder Menschen auf den Weg machen. Weil es dieses Gef├╝hl gibt und weil es das wert ist.

Nach diesem Erlebnis machen wir uns auf den Weg zur Grenze nach Kirgistan. Als erstes m├╝ssen wir ├╝ber eine kilometerlange Piste, welche eine Wellblechoberfl├Ąche hat. Wir schwimmen mehr als wir fahren und kommen kaum vorw├Ąrts. Die Arme kribbeln, die H├Ąnde werden langsam taub und die Motorr├Ąder klappern und scheppern, das einem das Herz blutet.

Wir brauchen die Kraft, die uns der Ausblick gegeben hat in diesem Moment. Dann ist auch noch der Sprit der 125er aus. Wir bleiben liegen und gerade, als wir die Benzinschl├Ąuche von der Twin ├Âffnen wollen, um ein wenig abzuzapfen, kommen zehn Motorr├Ąder aus der Gegenrichtung und die ├Ąlteren Herren aus Italien helfen uns mit Benzin aus ihrem Reservekanister.

Dann m├╝ssen wir nur noch ├╝ber eine weggesp├╝lte Stra├če hinweg und dann sind wir an der Grenze. Das ist zwar mehr ein Strafposten, der aus drei Holzh├╝tten besteht, aber wir bekommen unseren Stempel und d├╝sen in das Niemandsland, das hier zwischen Tadschikistan und Kirgistan ├╝ber 25 Kilometer lang ist. Es lebt sogar ein Bauer hier zwischen den Staaten und wir r├Ątseln, welche Staatsangeh├Ârigkeit der wohl hat.

Wir m├╝ssen kurz anhalten, denn wir haben einen diabolischen Plan ausgeheckt. Alex m├Âchte maximal bis Bischkek mit seiner 125er fahren und die dann dort verkaufen oder verschrotten. Jetzt gibt es aber nur ein Problem: Wir fahren in Kirgistan in die Russische Zollunion ein und dort ist es nicht so einfach ein Fahrzeug zu verkaufen, das man ├╝ber eine Grenze gefahren hat, ohne ├╝ppig Zoll zu bezahlen.

Zus├Ątzlich bekommt man immer einen Spezialstempel, auf dem ein Auto ist, in den Pass, damit man an jeder Grenze erkennt, dass derjenige mit einem Fahrzeug eingereist ist. Wenn Alex aber mit dem Flugzeug ausreist, kann er sich ja schlecht die Maschine unter den Arm klemmen. Und dem Beamten zu erkl├Ąren, dass die Maschine verkauft worden ist, w├╝rde auch nicht einfach werden. Also m├╝ssen wir verhindern, dass die 125er registriert wird und dass er einen Stempel in den Pass bekommt, der am Flughafen auff├Ąllt.

Dazu haben wir den folgenden Plan ausgeheckt: Wir schrauben das Kennzeichen und den Kennzeichenhalter ab, verstecken das so gut es geht und l├╝gen den Beamten vor, dass die Maschine so klein ist, dass es dazu keine Zulassung gibt. Dann sollte der Hobel von Alex als Mofa durchgehen und es gibt keine Probleme.

W├Ąhrend wir also alles umsetzten, f├Ąngt es an zu regnen, was zwar l├Ąstig ist, aber daf├╝r sorgt, dass die Soldaten an der Grenze echt keine Lust haben werden, lange drau├čen zu warten oder lange herum zu kontrollieren. Zus├Ątzlich fahren Anja und ich in einem Zeitversatz von ein paar Minuten sp├Ąter an den Posten. Dann k├Ânnen wir behaupten, dass wir Alex nicht kennen, sind aber vor Ort, falls der Plan auffliegt und Alex Hilfe braucht.

Tatsache ist dann, dass Alex innerhalb von zehn Minuten durch die Kontrollen ist und wir - weil bei uns der Drucker streikt - fast eine Stunde warten m├╝ssen. Doch wir sind alle happy, dass unser Plan aufgegangen ist. Jetzt schrauben wir das Kennzeichen nat├╝rlich wieder dran - soll ja keiner auf den Gedanken kommen, dass die Maschine geklaut ist.

Wir schlagen unser Zelt nur einige Kilometer hinter der Grenze zwischen verstreuten Jurten auf einer Wiese auf. Leider werden wir hier erneut von einer Horde Kinder belagert und k├Ânnen kaum unsere Zelte aufbauen, weil die Racker ├╝berall herumwuseln. Wir sind auf jeden Fall die Attraktion der Woche, oder des Monats.

Da Anja und ich aber zu schlecht Russisch sprechen, wird Alex irgendwann der interessanteste von uns. Als es dunkel wird, l├Ąsst er sich sogar von den Kindern ├╝berreden mit in die Jurte zu kommen. Wir warten lieber im Lager ab und genie├čen die Erfolge des Tages unter den Sternen.

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