Das Tal auf 4.200 Metern

08.

08.

2017

China Tour | erzÀhlt von Michl

Sonntagmittag in Chorugh - Alex, Honsa, Anja und ich wollen uns in der Stadt in ein Restaurant setzten, aber es ist leider alles geschlossen. Daher kaufen wir Kartoffeln, HĂ€hnchen, Eier, Zwiebeln und Butter. Ich mache mich daran und versuche dem kaputten Equipment in der GemeinschaftskĂŒche noch ein paar letzte Bewegungen zu entlocken. Es soll Bratkartoffeln und BrathĂ€hnchen geben.

Es dauert fast zwei Stunden, doch dann haben wir tatsĂ€chlich alle genau dieses Gericht vor uns stehen und es scheint allen zu schmecken. Hat sich also gelohnt so lange zu warten. Wir schwelgen alle in dem Gedanken an zu Hause. Wir merken langsam, dass wir alle schon eine recht lange Zeit unterwegs sind. 

Wir haben unter dem Tag noch einen neuen Motorradfahrer kennengelernt. Mirco ist aus der Schweiz und er fĂ€hrt auch, wie Honsa, eine Tenere. Wir machen uns also am nĂ€chsten Tag mit vier Mann, einer Frau und großen Erwartungen auf die Strecke in das am wenigsten befahrene Tal, das zwischen der M41 und dem Wahkanvalley nach Murgab fĂŒhrt.

Das einzige, was wir ĂŒber die Strecke wissen ist, dass es eine FlussĂŒberquerung geben soll und auf 40 km nach Chorugh definitiv keine Straße mehr existiert. Da wir aber zum einen alle das Abenteuer suchen und zum anderen mit fĂŒnf Leuten viel Sicherheit haben, wagen wir diesen Weg. Mirco und Honsa sind beide mit ihren Maschinen die SpĂ€her. Die beiden fahren voraus und warnen uns, wenn es wacklige BrĂŒcken oder Erdrutschreste gibt, die den Weg blockieren.

Wir kommen ĂŒber einige Schlammlawinen und ErdabgĂ€nge, bei denen wir krĂ€ftig arbeiten mĂŒssen, um unsere schweren Maschinen darĂŒber hinweg zu bewegen. Ich muss zweimal mein Motorrad aufheben und bin damit nicht allein. Jeder ist mal dran, dass der Weg einen zu Boden ringt. Anja sitzt einmal sogar auf einigen Steinen so auf, dass die Maschine aufgebockt ist und wir sie praktisch frei graben mĂŒssen. 

Auf einmal steht Alex auf der Piste. Er hat angehalten und bewundert eine sehr große Hecke, aus welcher nur noch einer von Honsas Koffern hervor lugt. Mein erster Gedanke ist: „Warum in aller Welt hilft Alex, Honsa da nicht aus der Hecke heraus?“

In meinem Kopf war im ersten Moment das Bild entstanden, dass Honsa mit seiner Maschine komplett im Busch drin steckt. Doch es stellt sich heraus, dass es nur einer seiner Koffer ist, den er verloren hat und der nun dort liegen geblieben ist.

Alles in allem bleibt unser Vorankommen flĂŒssig. Wir erreichen eine Hochebene, auf der wir die Marx- und Engelsspitze sehen. Es ist das erste Mal, dass wir die Aussicht auf einen Berg haben, der mehr als 6.000 Meter hoch ist. Es ist ein sehr erhabener Anblick und wir machen hier eine kleine Rast.

Dann gehen wir den nĂ€chsten Anstieg an, der uns auf den 4.200 Meter hohen Pass bringt. Alex’ Maschine gibt hier auf: es ist zu steil und die 125er geht völlig in die Knie. Doch wir entscheiden, dass wir hier auf keinen Fall aufgeben werden.

Wir packen sein ganzes GepÀck auf meine Twin, die bisher keine SchwÀche gezeigt hat, und auf Anjas BMW die mit der Einspritzung viel besser mit der Höhe zurechtkommt. Damit sind jetzt unsere Maschinen zu den Packeseln der Karawane berufen worden.

Doch wie schaffen wir die 125er von Alex jetzt diese Steigung hinauf? Das macht Mirco. Er schiebt und Alex gibt im ersten Gang Vollgas. Motorrad schieben auf 3.900 Meter, da gibt es wirklich schönere Hobbys. Doch es klappt und als der Weg ein klein wenig flacher wird, saust Alex wieder davon. Wir hatten besprochen, dass er solange weiterfÀhrt, bis er sicher ist, dass er die Steigung packt.

Anja und ich buddeln uns mit unseren bepackten MotorrÀdern den Berg hinauf. Fahren kann man das nicht wirklich nennen. Nachdem Mirco wieder zu Atem gekommen ist und auch seine Maschine wieder erklommen hat, geht es die letzten 200 Höhenmeter auf den Pass.

Wir sehen, dass es auf der Karte einen See gibt und verlassen den Weg, da wir dort auf jeden Fall ein Bild machen wollen. Wir folgen wenig mehr als einer HasenfĂ€hrte und sind wirklich ĂŒberrascht, als wir hier oben eine HĂŒtte finden, in der eine Familie wohnt.

Die MĂ€nner sind mit der Herde unterwegs, also werden wir von den Frauen und Kindern zum Essen eingeladen. Schnell werden Teppiche und Kissen, die alle einen sehr seltsamen Geruch verbreiten, auf der Wiese ausgebreitet. Dann gibt es Rahm, Sahne, Brot und dazu Tee.

An dieser Stelle haben wir leider keine Wahl und mĂŒssen zugreifen. Wir möchten die Leute auf keinen Fall vor den Kopf stoßen. Die Rast hier oben genießen wir alle sehr. Die Ruhe und der Frieden, der hier herrscht, sind vollkommen.

Nachdem wir zum See gefahren sind, wollen wir die letzten 13 Kilometer noch fahren, um nicht auf 4.200 Meter Höhe ĂŒbernachten zu mĂŒssen. Und wenn sich der Leser schon gewundert hat, ob ich die FlussĂŒberquerung ausgelassen habe: Nein, die kam tatsĂ€chlich erst an dieser Stelle auf 4.210 Meter Höhe.

Zwei Kilometer nach dem wir wieder auf dem Weg zurĂŒck sind, der uns eigentlich ins Tal fĂŒhren sollte, fließt ein gut 50 Meter breiter Strom von einem Gletscher ins Tal. Der Gebirgsfluss ist nicht wirklich tief, aber der Untergrund ist sehr rutschig und die Felsen sind alle kugelrund und Kopf groß. Hier haben wir also unsere Überquerung.

Wir suchen flussaufwĂ€rts und -abwĂ€rts nach einer besseren Möglichkeit aber letztendlich bleibt nur die harte Variante. Wir laden die Maschinen ab. WĂ€hrend Anja und Alex die GepĂ€ckstĂŒcke ĂŒber die Steine balancieren und trocken ans andere Ufer bringen, schieben Mirco, Honsa und ich die MotorrĂ€der zusammen ĂŒber den Fluss.

Wir hatten versucht die Tenere von Mirco ĂŒber den Fluss zu fahren, doch dabei ist er gestĂŒrzt und wir konnten nur mit GlĂŒck verhindern, dass Wasser in den Luftfilter lĂ€uft. Das wĂ€re aus unserer Sicht der Supergau. Hier oben gefangen zu sein und die Maschine auseinander zu nehmen.

Da der Fluss an der tiefsten Stelle bis ĂŒber die Knie geht und ich praktisch damit gerechnet habe, dass wir nass werden, habe ich alles bis auf meine Unterhose und die Motorradstiefel ausgezogen. Es ist zwar Mist, dass die Stiefel nass werden, aber ich habe keine anderen Schuhe, mit denen ich sicher in dem Fluss laufen könnte. Also sei es drum. Immerhin bleibt so die restliche AusrĂŒstung trocken.

Wir sind alle total platt, als wir nach einer Dreiviertelstunde alles auf die andere Seite gebracht haben. Gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang haben wir das Camp aufgebaut. Unser Essen mĂŒssen wir in der Dunkelheit mit den Stirnlampen zubereiten, doch wir können einen traumhaften Mondaufgang bewundern.

Bei einem spĂ€ten Tee sind wir uns einig: es war definitiv die richtige Entscheidung diese Überquerung heute zu machen. Außerdem sind wir alle sehr glĂŒcklich, dass wir zu fĂŒnft sind. Allein hĂ€tte jeder von uns diese Stelle bei Weitem nicht so einfach ĂŒberwinden können.

Die Nacht wird unsere letzte Probe fĂŒr diesen Pass. Es ist bitter kalt. Jeder, der die Maschinen durch den Fluss geschoben hatte und dadurch eine gute halbe Stunde im Wasser gestanden hat, friert sich durch die Nacht. Irgendwie wollen meine Zehen gar nicht mehr warm werden.

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