Die Karawane mit dem Einbeinigen

06.

08.

2017

China Tour | erzählt von Michl

Wir bauen am Morgen in aller Ruhe das Zelt ab. Es ist ein schöner Tag und die Sonne trocknet sehr schnell die letzten Tautropfen ab. Wir lassen uns Zeit, denn wir haben es nicht wirklich eilig. Während wir zusammen räumen, hören wir wie ganz offensichtlich Motorräder angefahren kommen. Wir staunen nicht schlecht, als es erneut Alex ist, der auf seiner 125er Maschine angeknattert kommt.

Er rumpelt mit dem Leichtgewicht einfach √ľber die gro√üen Begrenzungssteine am Stra√üenrand hinweg. Hinter ihm folgt noch Honsa ‚Äď ein anderer Tscheche, den er in Duschanbe getroffen hat. Er f√§hrt eine T√©n√©r√© und befindet sich gerade mal auf der H√§lfte der Strecke. Er hat noch einiges vor.

Wir alle freuen uns wie die Schnitzel dar√ľber, dass wir tats√§chlich dreimal aus v√∂lligem Zufall aufeinandergetroffen sind und beschlie√üen zusammen die Herausforderung des Pamir Highway anzunehmen. Die beiden warten, bis wir zusammen ger√§umt haben, und dann starten wir zu viert.

Schnell stellt sich heraus, dass Honsa und auch Alex uns beiden weit √ľberlegen sind, was das Offroad-Fahren angeht. Die beiden sind sehr freundlich und warten immer wieder an schweren Passagen auf uns und machen dort auch aufnahmen mit ihren Kameras. Somit sparen wir es uns, unsere Drohne auszupacken.

An dieser Stelle m√∂chte ich einen kleinen Exkurs machen. Ich hatte jetzt schon mehrfach erw√§hnt, dass Alex einen Unfall hatte. Was passiert ist und warum ich diesen Kerl f√ľr einen au√üergew√∂hnlichen Fahrer und Menschen halte, m√∂chte ich hier beschreiben:

Er ist mit seinem Motorrad im Iran aus einer Kurve geflogen. Dabei ist nicht nur seine Maschine beschädigt worden, er selbst hat sich das linke Bein und das Knie so schwer aufgeschlagen, dass er ins Krankenhaus und dort sein Knie genäht werden musste.

Er hat einige Tage damit verbracht sich zu erholen, doch wie auch wir musste er ja fr√ľher oder sp√§ter den Iran aus den Visa-Gr√ľnden verlassen. Weil jedoch der linke Fu√ü beim Motorradfahren der wichtige Schaltfu√ü ist, hat sich Alex zwei Aluminiumwanderst√∂cke gekauft.

Einen davon hat er mit B√§ndern an seinem Schalthebel befestigt und mit einer F√ľhrung am Lenker aus seinem Motorrad einen Handschalter gebaut. Den anderen Wanderstock hat er am Sturzb√ľgel des Motorrads befestigt und somit eine Auflage f√ľr sein verletztes Bein geschaffen.

Jeder Mensch, der sich daran erinnern kann, wie einem das Knie wehgetan, hat als man mit dem Fahrrad als Kind gest√ľrzt ist, kann sich ja grob vorstellen wie das mit dem Motorrad mit 60 Kilometern pro Stunde sein muss.

Wie viele Menschen fahren dann nach drei Tagen wieder Motorrad, und wie viele Menschen fahren mit einem solchen Knie nicht auf sch√∂nen europ√§ischen Asphaltstra√üen, sondern Holper- und Offroad-Pisten mehr als 3.500 Kilometer? Ich habe f√ľr Alex sehr gro√üen Respekt wegen seinem freundlichen Wesen, seiner Gelassenheit und nicht zuletzt wegen seinem Durchhaltverm√∂gen.

Wie weiter oben beschrieben, fahren wir also zu viert weiter und wir √ľberqueren heute den ersten Pass im Pamir-Highway. Auf 3.200 Meter fahren wir die Serpentinen hinauf und genie√üen die Aussicht. Es ist merklich k√ľhler geworden ‚Äď auf einem Pass, der mehr als 300 Meter h√∂her ist, als die h√∂chste Spitze der Bundesrepublik.

Auf dem Weg ins Tal treffen wir auf einen Mann, der mit seinem Auto liegen geblieben ist. Wir halten an und Honsa und Alex, die sich beide auf russisch viel klarer ausdr√ľcken k√∂nnen als ich, stellen fest, dass er ein Loch im Reifen hat, aber nichts zum Flicken dabeihat.

Wenig später hält auch noch ein Auto mit Fahrern der Mongol-Rally an und die haben das passende Flickzeug dabei. Da wir aber alle irgendwie mit involviert waren, werden wir von dem Mann zum Essen eingeladen.

Wir fahren also alle ins Tal und erreichen nach den geplanten zwei Tagen Kalai Chumb. Der Mann ist Taxifahrer und wir wundern uns, warum er dann offensichtlich jahrelang keinen neuen Reifen gekauft hat. Die Pneus, die wir geflickt haben, waren praktisch runter bis auf die Karkasse.

Bei dem versprochenen Essen handelt es sich um eine riesige Sch√ľssel Quarkmilchbrei, in der Brot schwimmt und dazu gibt es Tomatensalat sowie Tee und trockenes Brot ‚Äď zum Aufwischen des Milchquarkbrots.

Ich mache einen gro√üen Bogen um die Sch√ľssel und esse nur den Salat mit Brot. Nachdem wir alle irgendwie satt sind, machen wir Motorradfahrer uns auf den Weg, um unser Nachtlager au√üerhalb der Stadt aufzuschlagen. Die zwei Fahrer mit dem Mongol-Rally-Auto bleiben in der Stadt und suchen sich hier eine Unterkunft.

Wir schlafen auf einer großen Sandbank, die zur Schneeschmelze sicherlich Unterwasser steht, aber jetzt eine gerade angenehme Fläche zum Zelten bietet. Während wir Alex losschicken, um noch ein paar Bier aus der Stadt zu holen, bauen wir unser und auch sein Lager auf.

Dadurch k√∂nnen wir uns wenig sp√§ter alle entspannt zur√ľcklehnen und den Sonnenuntergang in den Bergen genie√üen. Wir erz√§hlen und scherzen lange, w√§hrend wir aufs Neue die Sterne bewundern.

Am Morgen stellt Honsa fest, dass ein Teil seiner Halterung gestern gebrochen ist. Da die beiden eh schneller fahren können als wir und das Schweißen nicht all zulange dauern sollte, trennen wir uns erneut und verabreden uns am Abend in Chorugh (Korug), wobei Anja und ich fest davon ausgehen, dass wir spätestens am Mittag von den beiden eingeholt werden.

Doch die Stra√üenverh√§ltnisse sind eher auf unserer Seite. Wir kommen sehr gut voran und merken, dass jeder Kilometer, den wir gefahren sind uns mehr Vertrauen in die Maschinen gibt. Wir erreichen unser Hostel, die Pamir-Lodge, am fr√ľhen Abend. Zeit f√ľr eine ausgiebige Dusche und Smalltalk.

Es sind sogar ein paar Deutsche aus Bayern hier. Genauer sogar aus Ingolstadt. Nach langer Zeit k√∂nnen Anja und ich mal wieder Deutsch sprechen. Das tut sehr gut. Aber was Vern√ľnftiges zu Essen w√§re auch mal wieder dran. Wir beschlie√üen mindestens den n√§chsten Tag noch hier zu verbringen, damit ich die Motorr√§der checken kann.

W√§hrend ich die beiden Maschinen entlade und alles vorbereite, dass ich morgen fix an alles herankomme, knattern Honsa und Alex fix und fertig auf den Hof der Pamir-Lodge. Doch wir haben im ersten Moment nicht viel Zeit zu reden, denn die Ankunft der beiden √ľberschneidet sich mit einer Einladung zum Essen gehen. Wir verabreden uns f√ľr sp√§ter, um herauszubekommen, was so lang gedauert hat.

Dann gehen Anja und ich mit ein paar Reisenden Essen, weil die Gruppe ein gutes indisches Restaurant ausprobieren m√∂chte. Leider ist die Wartezeit f√ľr das Essen sehr lang und die Portionen winzig f√ľr das, was als Preis aufgerufen wird. Aber nach ein paar Tagen Suppe und Nudeln ist guter Reis und gew√ľrztes Essen eine richtige Wohltat.

Die Betten der Pamir-Lodge sind so hart, dass wir unsere Isomatten aus der Packtasche holen, um nicht direkt auf der Holzpritsche zu schlafen. Sonst ist die Nacht aber äußerst angenehm. Die Temperatur ist auch hier in Chorugh in der Nacht nochmal einen ganzen Zacken kälter.

Am Morgen reden wir mit Alex und Honsa. Die beiden hatten mit dem Schwei√üen nicht ganz soviel Gl√ľck. Es hat tats√§chlich ein wenig gedauert, bis die Halterung repariert war. Das n√§chste Problem war ein platter Reifen, den die beiden soweit flicken konnten, dass sie hierhergekommen sind.

Aber womit ich nicht wirklich gerechnet h√§tte, ist das Problem mit dem niedrigen Luftdruck. Der kleine Motor der 125er hat massive Probleme die Leistung zu bringen und daher konnten die beiden nur etwas √ľber Sechzig Kilometer in der Stunde fahren.

Ich mache also meine Reparaturen soweit, bis ich wieder ein gutes Gef√ľhl habe wenn wir weiter fahren und in der Zeit ist Alex dabei seinen Reifen soweit zu flicken, dass er auch sicher weiter kommt. Dann verbringen wir einige Zeit damit das wir den Vergaser versuchen auf die H√∂he anzupassen. Wir sind zwar nicht ganz zufrieden, aber irgendwann sehen wir keine M√∂glichkeit mehr, die Luftzufuhr oder das Gemisch selbst zu optimieren und hoffen, dass es ausreicht, um vern√ľnftig weiter zu kommen.

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