Japanische Einladung im Green House

04.

08.

2017

China Tour | erzÀhlt von Michl

Da wir spĂ€t am Abend angekommen sind, hatten wir zu den vielen Fahrzeugen, welche im Innenhof stehen, keine Gesichter. Das Ă€ndert sich am Morgen nach dem Aufstehen. Wir lernen viele Leute kennen: Tony, einen italienischen Koch, der mit dem Rad im Winter durch Sibirien gefahren ist. William, ein Franzose, der als Rucksackreisender einfach dahin reist, wo es ihn grad hintreibt. Bea und Philip, zwei Deutsche sind mit dem Rad in die gleiche Richtung unterwegs wie wir. Und Tsuyoshi Kobayashi - kurz „Yoshi“ - der uns ein sehr verlockendes Angebot macht.

Doch von Anfang an. Wir Versuchen uns auf den Pamir so gut es geht vorzubereiten. Daher nehme ich unsere Maschinen auseinander. Ich spanne die Ketten, prĂŒfe erneut Anjas KĂŒhlwasser an der BMW und fĂŒlle es nach. Der Luftdruck an den Reifen und die Koffer ĂŒberprĂŒfe ich auch. Das alles zieht sich fast ĂŒber den gesamten Vormittag. Wir haben ja Zeit und die nehmen wir uns auch.

Als ich den Sitz und die Halterungen der Koffer prĂŒfe, gesellt sich Yoshi diskret zu mir und wir kommen ins GesprĂ€ch.

Er ruht sich gerade aus, denn er ist schon den gesamten Pamir-Highway gefahren. Als erstes nutze ich die Möglichkeit mehr ĂŒber die verschiedenen Routen zu erfahren. Denn die Geschichten, die wir bisher gehört haben, waren total gemischt und reichten von gar nicht so wild bis zu unmenschlich anstrengend.

Er berichtet von einem gemischten StraßenverhĂ€ltnis, aber alles durchaus machbar und hier kommen wir auf die Maschinen. Wir beide fahren nĂ€mlich eine Afrika Twin - das Original, wie er mir bestĂ€tigt.

Ich berichte ihm, dass wir versucht hatten ein wenig Hilfe von Honda zu bekommen, aber leider nur Absagen erhalten hatten. Er fÀngt an zu grinsen und erzÀhlt sehr stolz, dass er gute Kontakte zu Honda hat. Er prÀsentiert mir alle Unterschriften, die er von den Designern und Ingenieuren auf die entsprechenden Teile seiner Twin bekommen hat - auf den Rahmen, Vergaser usw. 


Er verspricht mir, dass er uns viele Kontakte geben kann. Wir sind total begeistert. Nachdem wir uns von dem Traum vielleicht doch noch nach Japan zu kommen verabschiedet hatten, haben wir hier völlig unverhofft Hilfe aus erstes Hand.

Yoshi macht Fotos und verlinkt uns sofort auf Facebook. Er tippt mir gleiche eine ganze Handvoll Namen und Kontakte aus Japan in mein Handy. Es dauert dann auch nur bis zum Abend und ich habe mehrere Freundschaftsanfragen von Japanern, die uns sofort in ihr Haus einladen.

Das gibt uns gleich einen neuen Schwung und die Reparaturen laufen wie am SchnĂŒrchen. Ich flicke sogar noch meine lose Verkleidung mit einem Kabelbinder, denn ich möchte mit so wenig SchĂ€den wie möglich in Japan ankommen. Es sind noch mehr als 11.000 Kilometer von hier bis zum Honda-Werk, aber vorbereitet ist ja immer besser als nachbereitet.

Wir reden an diesem Abend noch sehr lange mit allen anderen Reisenden und es fließt das ein oder andere Bier in unsere Kehlen. ZusĂ€tzlich bekommen wir immer neue Tipps, die sich alle im Verlauf der Fahrt als sehr hilfreich und sinnvoll herausstellen.

Wir erfahren, dass die Tunnel, in denen der dichte Smog war, auch „Todestunnel“ heißen. Es scheint öfter vorzukommen, dass Fahrer ohnmĂ€chtig werden und in dem unbeleuchteten Tunnel UnfĂ€lle haben. Wir ernten ein paar sehr anerkennende Blicke, dass wir so mutig waren diesen Weg zu nehmen – oder so dumm.

Wir hatten die Hoffnung hier am Anfang des Pamir und in der Hauptstadt vielleicht andere Reisende zu treffen, welche uns belgleiten könnten. Doch im Moment sind alle Reisenden am Ankommen oder noch zu tief in den Vorbereitungen und wir wollen nicht zu lange warten.

Nichtsdestotrotz, das Green-House wird unser Sicherheitshaus und Ankerpunkt, von dem wir in den Pamir starten. Am nÀchsten Tag machen wir uns auf den Weg. Wir wollen sehen, was in den Bergen auf uns wartet. Wir suchen uns noch eine Tankstelle und kaufen Lebensmittel ein.

Die erste Etappe soll das Dorf Kalai Chumb direkt an der Afghanischen Grenze sein. Wir sehen, dass es „nur“ 280 Kilometer bis dorthin sind, aber wir lassen uns nicht auf Glatteis fĂŒhren. Wir wissen, dass wir diese Strecke auf keinen Fall in einem Tag schaffen werden.

Nach dem wir fĂŒnfzig Kilometer hinter der Hauptstadt sind, verlassen wir den Asphalt und arbeiten uns ab hier mĂŒhsam vorwĂ€rts. Kurz bevor wir die Straße verlassen, tappen wir in die Wegelagerei der ortsansĂ€ssigen Polizei. Wir werden angehalten und was als erstes wie ein Kontrollpunkt aussieht, entpuppt sich nach einigen Minuten als Radarfalle mit getĂŒrkter Lasermessung.

Wir lösen das mit der erprobten „Wir haben kaum Geld dabei“-Masche. Zwar lassen wir bei diesen Banditen 20 Euro liegen, doch da wir spĂ€ter erfahren, dass auch hundert Dollar erpresst wurden, können wir jetzt drĂŒber lachen. 

Nach einer sehr klapprigen BrĂŒcke sind wir endlich Offroad. Einige Wasserdurchfahrten mĂŒssen gemeistert werden, doch wir sind guter Dinge und sehen wie wir immer mehr Vertrauen in die Maschinen und uns bekommen.

Nachdem wir mĂŒhsame 160 Kilometer des Weges gefahren sind, wird es langsam dunkel und wir suchen uns eine Stelle zum Campieren. Wir haben noch im Green-House erfahren, dass viele der Reisenden mit den Home-Stays keine guten Erfahrungen gemacht haben.

Bei den Home-Stays handelt es sich um eine Unterbringung bei Einheimischen. Man wird in das traditionelle Haus eingeladen und kann dort am Ofen schlafen und bekommt meist fĂŒr einen kleinen Obolus ein FrĂŒhstĂŒck. So wird es von den Guides und den BĂŒchern beschrieben, die wir gelesen haben.

Die RealitÀt sieh so aus:

Diese Variante der Übernachtungsmöglichkeit sind windschiefe Bretterbuden, welche in den seltensten FĂ€llen wirklich traditionell sind. An den meisten HĂŒtten wird jedes Material verwendet, was sich ergattern lĂ€sst. Was den UnterkĂŒnften den Charme von Slum-HĂŒtten gibt.

Um diese VerschlĂ€ge gibt es nur blanke Erde und Tierexkremente. Da diese Menschen sich von einem Platz nicht mehr wegbewegen, hat das wenige Gras was hier wĂ€chst, keine Chance zum nachwachsen. Geheizt wird mit getrockneter Kacke, wenn man GlĂŒck hat. Wenn man Pech hat, ist irgendwo Diesel oder Benzin vorhanden und der MĂŒll der letzten Woche wird verbrannt, damit die ganzen Plastikverpackungen verschwinden.

Fließendes Wasser gibt es nur im Fluss und der ist dermaßen reißend und gefĂ€hrlich, dass man lebensmĂŒde sein mĂŒsste, sich darin zu waschen. Das Trinkwasser holt man mit dem Eimer dort heraus. Die fĂŒnf bis sechs anderen Menschen, mit denen man am Ofen schlĂ€ft, und die jeden Tag harte Arbeit verrichten, haben also einen sehr intensiven Geruch.

Die Lebensgrundlage der Menschen hier sind die Ziegen und Schafherden. Gemolken wird sooft es geht. Das es hier keinen Strom gibt, muss ich ja nicht erwĂ€hnen, oder? Die Milch wird einfach immer wieder in das noch halbvolle Fass geschĂŒttet und durchgemischt. Ich glaube der Fachausdruck heißt fermentieren – hier kann man das beruhigt vergammeln nennen.

Daraus besteht dann das einheimische FrĂŒhstĂŒck, zu dem man gern eingeladen wird. Bevor ich jetzt in die Versuchung komme, den Zusammenhang zwischen „Donnerbalken“, „nicht gewaschenen HĂ€nden“, und „Milchverarbeitung“ zu beschreiben, ĂŒberlasse ich das der Vorstellungskraft des Lesers.

Endlich mal eine richtige Lebensmittelvergiftung von Ziegenmilch ist aber das Letzte, was Anja und ich hier brauchen können. Daher entschließen wir uns, in unserem Zelt zu schlafen. Wir riechen ohne Dusche zwar auch nicht gerade nach Rosen aber wenigstes nicht nach Ziege und Schaf.

Leider haben wir bei der Wahl unseres Schlafplatzes zu wenig die Umgebung im Auge behalten. Hinter ein paar Felsen am Hang leben Einheimische. Wir werden praktisch im Sekundentakt von deren Kindern belagert. Wir entnehmen der Hand-und-Fuß-Kommunikation, dass wir doch bei ihnen essen sollen. Aus den oben genannten GrĂŒnden lehnen wir ab.

Doch leider gibt es das Wort „nein“ hier nicht, oder ein KopfschĂŒtteln heißt, man soll es einfach weiter versuchen. Es dauert Stunden, bis in die Nacht hinein, bis wir endlich Ruhe haben und einschlafen können. Doch neben dem rauschenden Fluss und ohne Lichtverschmutzung von StĂ€dten haben wir erneut einen tollen Ausblick auf den Himmel. Wir freuen uns tierisch auf die Strecke die vor uns liegt.

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