Durch den Tunnel des Todes

02.

08.

2017

China Tour | erzählt von Michl

Wir sind auf dem Weg nach Tadschikistan. Das letzte Mal tanken wir an der Stadtgrenze der Hauptstadt von Usbekistan und dann sind wir weg. Wir haben dieses Land zwar am Ende doch aus einer freundlichen Perspektive kennengelernt, aber es gibt auch viele bittere EindrĂĽcke. Wir werden sehen, was alles passiert, doch wahrscheinlich werden wir nicht so schnell zurĂĽckkommen.

Wir fahren am richtigen Grenzübergang erstmal glatt vorbei und kommen an einen Übergang, der nur für Einheimische oder für Fußgänger ist. Wir kommen jedenfalls nicht drüber. Als wir den richtigen Übergang dann doch gefunden haben, kommt die Stunde der Wahrheit. Wir haben die Drohne ganz unten und zwischen allem Kleinzeug, was wir besitzen, versteckt. Unsere Hoffnung ist, dass wir nicht kontrolliert werden oder vielleicht nur so oberflächlich wie bisher.

Wir sind gespannt und halten praktisch die ganze Zeit den Atem an. Da wir aber die zwei einzigen Fahrzeuge sind, haben die Männer an den Posten alle Zeit der Welt uns völlig auseinander zu nehmen. Aber die haben einfach keine Lust.

An der Station, an welcher die Dokumente für unsere Motorräder abgestempelt werden sollen, läuft der Mann in seinem Kämmerchen auf einmal mit dem Stempel Amok. Alles beginnt völlig normal. Ich reiche unsere Dokumente durch, er sortiert alles und breitet die Blätter vor sich aus. Dann fängt er auf einmal an zu brüllen und hämmert, wie von allen guten Geistern verlassen, mit dem Stempel auf alles ein, was sich in seinem Blickfeld befindet.

Viele Dokumente bekommen mehrere Stempel ab. Dann grinst er mich an, seine Kollegen in dem Wachhäuschen biegen sich vor Lachen und er gibt mir den Stapel Papier, wobei er uns zu verstehen gibt, wir sollen uns trollen. Na da sieht man mal wieder, was Langeweile und Vodka alles anrichten können.

Die Typen an der Gepäckkontrolle sind nicht ganz so lustig drauf, doch die Motivation springt ihnen auch nicht gerade aus den Augen. Daher zieht unsere „Noch mehr langweiliges Gepäck“-Masche total.

Wir müssen alle Koffer öffnen, doch über dem einzig Interessanten Stück nehme ich jedes Werkzeug, jeden Handschuh, die Wäscheleine usw. einzeln heraus, drehe das entsprechende Teil hin und her und lasse den Grenzer das gute Stück anschauen.

Er hält fast durch. Nur noch der leere Rucksack liegt auf der Drohne und in dem Moment, wo ich den auch noch herausholen möchte, hat er endlich genug und gibt mir das Zeichen, dass ich zusammenpacken soll. Puuuhh, war das knapp.

Auf der Tadschikischen Seite ist es eine andere Welt. Wir müssen unseren Obolus zahlen, um die Motorräder einzuführen und dann war es das dann auch. Unser Gepäck will keiner sehen und der Stempel ist im Pass, bevor sie einen Eintrag in ihren Büchern gemacht haben.

Meiner Meinung ist es ganz einfach: Wenn man eine Grenze mit Afghanistan hat, wo sich ja seit vielen Jahrzenten ein Kampf- und Waffenerprobungsgebiet von verschiedenen Nationen befindet, fragt man nicht nach Waffen und Drogen, um sich nicht lächerlich zu machen.

Davon sind wahrscheinlich so viel vorhanden, dass wir noch scherzen, ob wir nicht gezwungen werden einige Sachen mitzunehmen, wenn wir das Land wieder verlassen. Wenigstens die Deutschen Gewehre vielleicht? Nein? Ok, fragen kann man ja. Wir hoffen, dass wir uns in diesem Fall herausreden können, weil wir wenig Platz auf den Maschinen haben.

Wir reisen also ein und sind froh, dass wir praktisch sofort auf gute Straßen und einen Amerikaner treffen, der für die Deutsch-Amerikanische Zusammenarbeit in Duschanbe arbeitet. Er kann uns zum Glück gleich ein paar Dollar in Landeswährung wechseln. Denn wir brauchen Sprit und die Tankstelle nimmt keine Visa-Karte.

Wir fahren einen kleinen Umweg, weil sich die Grenze an diesem Punkt in einem „schwimmenden Zustand befindet“. Um also möglichen Problemen aus dem Weg zu gehen, machen wir zusätzliche 80 Kilometer.

Alles kein Stress, jetzt wo wir wieder überall tanken können. Wir möchten heute auf jeden Fall noch nach Duschanbe fahren. Es ist der erste August – mein Geburtstag – und den möchte ich nicht im Zelt verbringen. Ich würde gerne ein Bier haben und eine Dusche.

Ăśber Chudschand fahren wir den schnellsten Weg, doch das sind noch 300 Kilometer. Wir sind jedoch hoch motiviert und fahren bis in die Nacht hinein. Wir haben ein paar sehr knifflige Passagen, denn viele Laster nutzen die Nacht, um schneller voranzukommen. Wir haben jetzt die groĂźen Brummies vor uns und die quälen sich im Schritttempo die Pässe hoch und runter. Mittlerweile ĂĽberholen wir aber praktisch sicher an allen möglichen und unmöglichen Stellen. 

Doch dann kommt dieser Tunnel, der bei mir in der Karte als gefährlich und unsicher markiert ist. Als wir hineinfahren wissen wir nach hundert Metern auch warum. Es gibt hier keine Belüftung und was uns hier die Sicht vernebelt ist kein Staub, sondern Abgase. Man kann nur 20 Meter weit sehen dann ist Schluss.

Ab und an wird der Dunst von der milchigen Beleuchtung eines Lastwagens geteilt, der uns entgegenkommt. Aber wir können auf keinen Fall hinter den LKWs bleiben, die quälend langsam vor uns fahren. Wir beißen die Zähne zusammen, schlagen ein Kreuz und geben Gas. Wir überholen so schnell es geht, um sicher weiterzufahren.

Der Tunnel scheint kein Ende zu nehmen und wir trauen uns nicht schneller als sechzig zu fahren, denn vor uns kann jederzeit ein Lastwagen oder ein Schlagloch aus dem Nebel auftauchen. Langsam wird mir schwindlig und ich habe von den Gasen innerhalb sehr kurzer Zeit hämmernde Kopfschmerzen bekommen.

Wir werden aber erst nach etwa sieben Kilometern erlöst. Hustend und extrem schwindlig kommen wir nach zehn Minuten aus dem Tunnel heraus. Wie kann man sowas nur erlauben? Ich bin jedenfalls glücklich, an meinem Geburtstag nicht erstickt zu sein.

Einen ähnlichen Tunnel müssen wir noch einmal durchqueren, leider kommt der dann auch ohne Vorankündigung, denn es ist mittlerweile so dunkel, dass ich nichts mehr auf meiner Karte erkennen kann. Doch wir machen das einfach wie beim ersten Mal und geben einfach Gas. Mehr bleibt uns ja auch nicht übrig.

Wir sind mit dem GrenzĂĽbergang jetzt mehr als zehn Stunden auf der Piste und langsam sind wir auch mĂĽde, aber es hilft nichts, wir sind an den letzten Herbergen vorbeigefahren und mĂĽssen jetzt bis nach Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan, weiterfahren.

Die BMW jagt uns 70 Kilometer vor der Stadt noch mal einen echten Schrecken ein. Als wir eine schnelle Trink- und Pinkelpause machen, springt die Diva auf einmal nicht mehr an. Wir stehen bergab und ich kann Anja anschieben. Da die Maschine warm ist und wir dank des Helmfunks kommunizieren können, klappt das sehr gut.

Wir hatten ja dieses Ereignis schon mal gleich am ersten Tag. Aber jetzt ist auch klar: das Einzige, was wir als Verbraucher mehr an der Maschine eingeschaltet hatten als sonst, waren die Zusatzscheinwerfer von Touratech. Die ziehen also mehr Strom, als die Lichtmaschine liefern kann und saugen damit während der Fahrt langsam die Batterie leer. Das hätte ich auch nicht vermutet! Aber damit bleiben die ab jetzt aus.

Dann erreichen wir das „Green Guesthouse“ und hier sieht es aus wie eine Auffangstation für Weltreisende. Fahrräder und Motorräder stehen hier dicht an dicht. An den Kennzeichen kann man sehen, dass jeder einen echt langen Weg hinter sich hat. Wir platzieren unsere Maschinen neben den anderen und beziehen ein eigenes Doppelzimmer.

Ich möchte mir mein Geburtstagsbierchen im nahen Supermarkt besorgen. Dazu haue ich erstmal unser letztes getauschtes Geld auf den Kopf.

Es passiert mir dabei noch etwas sehr Schönes. Ich treffe Alex wieder! Wir hatten den Tschechen in Maschad vor der Turkmenischen Botschaft getroffen – 2424 Kilometer entfernt – aber hier treffe ich ihn wieder. Dass so etwas passieren kann, habe ich gehofft, aber dass es tatsächlich passiert, ist ein tolles Gefühl.

Er hatte damals einen Unfall gehabt und auch heute humpelt er noch. Er erzählt, dass er direkt in dem Hostel neben uns wohnt und sich in den nächsten Tagen auch auf den Weg zum Pamir machen möchte. Wir haben noch keinen genauen Plan, doch vielleicht sieht man sich ja mal wieder …

Schreibe uns eine Nachricht

private Nachricht

öffentlicher Kommentar

Die Daten werden ohne SSL Verschlüsselung übertragen, jedoch nur veröffentlicht, wenn du das möchtest - du kannst uns jederzeit eine private Nachricht schicken!

Deine E-Mail Adresse wird in keinem Fall veröffentlicht, oder an Dritte weitergegeben.

Teile mit uns Fotos