HeiĂźe Luft im Tank

27.

07.

2017

China Tour | erzählt von Michl

Kurz nach dem Grenzübergang werden wir angesprochen, ob wir nicht Geld tauschen wollen. Die erste Regel des Reisenden lautet aber: „An der Grenze wirst du übers Ohr gehauen, immer.“ Ich weiß das auch und umso seltsamer kommt es mir vor, dass es dem Typen gelungen ist, mich zu überreden. Jetzt sind wir sogar zu zweit und Anja stand bei der Aktion praktisch neben mir.

Wir haben uns später darauf geeinigt, dass wir durch die Dehydration (wir waren fast seit 2 Tagen nicht mehr pinkeln, obwohl wir in der Wüste 14 Liter Wasser innerhalb von 24 Stunden getrunken hatten) offensichtlich völlig neben uns standen.

Lange Rede kurzer Sinn: Man hat uns so richtig abgezogen. Trotzdem haben wir ein bisschen Bargeld ergattert, ziehen weiter und finden uns mĂĽde, verschwitzt und hungrig in Urganch, Usbekistan wieder.

Hier wartet aber gleich der nächste Ärger auf uns. Der Typ in dem Hotel will Dollar und keine Landeswährung haben. Ich wittere die nächste Abzockermasche und falle ein wenig aus der Rolle. Auf Englisch frage ich den Typ, was man denn hier mit dem blöden Papiergeld kaufen kann?

Er lamentiert daraufhin ein wenig auf der Landessprache und es kommen auch seine zwei muskelbepackten Freunde aus den hinteren Räumen des Hotels, doch zum einen zeige ich mich unbeeindruckt von der Überzahl und zum anderen redet er auf der Landessprache, welche ich nicht verstehe.

Irgendwann wird es Anja und mir zu blöd und wir greifen uns die Helme und wollen gehen. Da schaltet er dann auf einmal wieder das gebrochene English ein und wir können mit 160.000 Som das Hotelzimmer zahlen. Mehr Geld wollen wir dem Typen aber nicht gönnen und gehen außerhalb essen.

Dabei finden wir auch ein Internet-Café, in welchem uns das ganze Ausmaß der Geldtausch- und Hotelzimmeraktion bewusst wird. Wir haben aus lauter Dummheit zweihundert Euro in den Sand gesetzt. Man sind wir sauer auf uns selbst. Aber weg ist nun mal weg. Wir entscheiden uns aber sofort am nächsten Tag weiterzufahren, ohne uns hier auszuruhen, wie wir das eigentlich vorhatten.

Es geht also früh am nächsten Tag weiter auf der Seidenstraße nach Boxoro (Buchora). Wir sind noch so kaputt von der Wüstenfahrerei, dass wir schier am Verzweifeln sind, als wir erneut mit einem Problem hier in Usbekistan konfrontiert werden. Es gibt kein Benzin.

Man fährt an dutzenden Tankstellen vorbei. Teilweise absolut neu, doch keiner verkauft Sprit. Man ist das ein Mist! Wir haben heute eine Strecke von 430 Kilometern vor uns und müssen auf jeden Fall heute etwas Benzinartiges in unseren Tank füllen. Langsam fahren wir also von Tankmöglichkeit zu Tankmöglichkeit, doch immer wieder das gleiche Ergebnis. Kein Benzin.

An einer der Tankstellen treffen wir auf einen Mini-Bus voller Touristen aus Frankreich und kommen ein wenig ins Gespräch. Mit dabei ist auch ein Guide und wir erzählen von unserer Situation. Da passiert es, dass die gleichen Leute, die uns vor fünf Minuten gesagt haben, dass es hier kein Benzin gibt auf einmal kanisterweise das Zeug anschleppen und uns verkaufen.

Man bin ich geladen. Offensichtlich ist das Land hier voller unfreundlicher Halsabschneider. Meine Meinung von Usbekistan ist auf dem Tiefpunkt angekommen. Wir haben jetzt zwar einen vollen Tank, doch der wird uns genau bis auf 100 Kilometer an Boxoro heranbringen. Dann stehen wir mal wieder da.

Weil wir aber keine Wahl haben und endlich ein oder zwei Tage ausspannen wollen und mĂĽssen, machen wir uns wider besseren Wissens auf den Weg. Es geht mal wieder durch WĂĽste und Steppe, die recht warm ist, aber nach der brennenden Hitze in Turkmenistan sind die 35 Grad hier absolut ok fĂĽr uns.

Der Ort, an dem wir stranden, also halten müssen, weil wir sonst auf der Autobahn stehen bleiben werden, trägt den passenden Namen Gazli – passend weil „Gaz“ das einzige ist, was hier überall zu haben ist. Wir halten gegenüber einer Tankstelle an, in welcher wie in einem Western-Film ein Gestrüppball durch den Wind rollt.

Wir sitzen in einer Raststelle, in der ein Zigarette rauchender Koch lustlos mit einem Messer Fleisch von einem Knochen schneidet und in kleine Stücke hackt. Dass die Asche auf das Fleisch fällt ist egal. Wird eh alles zu Schaschlik. Da kommt dann halt ein wenig mehr Aroma dazu. Wir sagen spontan „nein“, als wir gefragt werden, ob wir etwas zu essen wollen. Aber ich versuche Benzin zu bekommen.

Der Hilfskoch ist am Anfang noch interessiert, aber das lässt schnell nach und was auch immer er sagt, das Ergebnis ist für uns eh das gleiche: Es gibt kein Benzin. Wir sitzen also weiter rum. Als wir uns entscheiden das restliche Benzin in dem Dorf zu verfahren und zu hoffen, dass wir dort irgendwo Sprit finden, kommt uns die Bedienung zu Hilfe. Sie telefoniert kurz und sagt, wir sollen kurz warten. Das können wir ja schon.

Zehn Minuten später kommt ein Junge mit dem Fahrrad angefahren, wobei er die Autobahn kreuzt, und bringt uns zwei Fünf-Liter-Kanister, die mit Benzin gefüllt sind. Wir kommen also doch weiter und müssen die Maschinen nicht schieben. Sogar der Preis ist ganz ok, aber bei der Qualität bin ich da unsicher. Nachdem wir jetzt die letzten 100 Kilometer schaffen, sehen wir zu, dass wir in die Stadt kommen.

Nach einigem Suchen in Boxoro finden wir die Unterkunft, die zwar ein Guesthouse ist, aber so aussieht, als wäre es eine alte Karavanserei. Wir checken bei einem völlig aufgedrehten Typ ein, der uns ein ganzes A4 Blatt gibt mit dem Service, den er hier anbieten kann.

Wir denken im ersten Moment, dass wir vielleicht endlich jemanden gefunden haben, der uns wohlgesonnen ist, da bringt er dann den folgenden Spruch: „If you need money, it is no Problem. Just give me your VISA-Card and the PIN number and I will bring the Money. You can trust me.“ (Wenn Sie Geld brauchen, kein Problem. Geben Sie mir einfach Ihre VISA-Karte und die PIN-Nummer und ich bringe Ihnen das Geld. Sie können mir vertrauen.)

„Ja, natürlich der Typ wird mir sicherlich Geld bringen“, denke ich mir. „Wie kann man nur so dreist werden?“, ist dann gleich der nächste Gedanke. Ich gebe ungern meine VISA-Karte irgendwo aus der Hand und erst recht gebe ich niemals meine Nummer an jemanden weiter.

Hier stehe ich, nachdem ich in diesem Land zwei Tage hintereinander immer wieder an Gauner geraten bin und der hat echt den Nerv mich nach der Karte und der Nummer zu fragen. Ich sage zum GlĂĽck den letzten Teil laut zu Anja und hole dann Luft, um dem Typen zu sagen, was ich ihm gleich alles geben werde, da wirkt Anja auf mich ein und entspannt damit die Situation.

Den Hauptanteil an dieser Intervention hat die Tatsache, dass wir nicht noch einmal loswollen, um uns ein anderes Hotel zu suchen, denn wir brauchen dringend eine Pause. Wir essen, trinken und erzählen mit anderen Reisenden, die ebenfalls in der Herberge abgestiegen sind. Von denen, die schon länger hier sind, bekommen wir das Bild bestätigt, dass der Typ an der Rezeption bei Weitem nicht vertrauenswürdig ist.

Wir vergammeln also den nächsten halben Tag und ich untersuche dann, nachdem die Temperatur gesunken ist, die Motorräder. Ketten spannen und ölen. Kühlwasser bei Anja nachfüllen und kleinere Sachen flicken. Dann sind wir wieder abfahrbereit. Anja ist in der Zeit ebenfalls fleißig und nutzt jede Minute, um den Blog zu pflegen, Bilder zu posten, Karten zu schreiben und Bildmaterial nach Hause auf den Server zu laden.

Auch wenn uns der Gauner hier im Hotel nicht schmeckt, hat er die Zauberworte, die uns die Knie weich werden lassen. Er kann Benzin besorgen. Soviel wir wollen. Wir machen alles voll, was wir haben. Nach der Wüstentour das erste Mal, dass wir – in recht dicht besiedeltem Gebiet – unsere Ersatztanks, die auf meiner Twin installiert sind, auch befüllen.

Ich vermeide das eigentlich so oft es geht, weil es sich anfühlt, als würde man zwei Betrunkene als Sozius dabeihaben. Besonders in Städten mit viel Lenkbewegungen muss man deutlich mehr arbeiten, um schnelle Spurwechsel zu machen, oder nach dem Abbiegen die Maschine wiederaufzurichten. Doch bei der düsteren Aussicht hier an Benzin zu kommen, lasse ich mich nicht zweimal bitten. Wir sind erholt und bereit für die weiteren Schritte auf unserer Reise. Nächster Halt, Samarkand.

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