Vom Chinesischen Gasthaus zum heiligen Schrein

17.

07.

2017

China Tour | erzÀhlt von Michl

Wir satteln in Esfahan erneut die MotorrĂ€der. Doch zuerst mĂŒssen wir eine Art Fellpflege betreiben. Das erste Mal auf dieser Reise nehmen Anja und ich einen Schlauch zu Hand und befreien die Maschinen vom Sandstaub, der sich nach dem Sturm als dichte Patina auf unseren Maschinen niedergelassen hat. Dann geht es auf in die WĂŒste. Weg von der Stadt, einfach auf einer Straße in den Sand und die Hitze.

Wir haben auf dieser Fahrt zuerst viel GlĂŒck. Wir kommen von Esfahan sehr schnell in die Berge und bleiben dann bis kurz vor NĂŁ'in ĂŒber 1500 Meter hoch. Hier hat es noch knapp 30 Grad. Das ist fĂŒr uns mittlerweile angenehm und wir sind guter Dinge.

Die Landschaft ist mit den vielen Farben der Felsen sehr schön anzuschauen. Doch dann geht es auf dem zweiten Teil der Fahrt auf nur knapp 300 Meter hinunter. Wenn man jetzt mit ca. einem Grad fĂŒr 100 Höhenmeter die Temperatur ausrechnet, kann man sich vor stellen das uns echt warm wird. So richtig warm.

Wir hatten ja schon auf der Fahrt nach Esfahan gedacht, dass es schön warm ist, doch hier werden wir erneut eines Besseren belehrt. Es hat nur Sinn im Schatten zu trinken, da man sonst das GefĂŒhl hat, dass es einem in der gleichen Zeit, in der man trinkt, das Wasser wieder aus dem Körper drĂŒckt. Daher suchen wir immer eine Art Tankstelle auf, um dort zu rasten.

Leider wird die Landschaft auch immer einseitiger. Ich möchte das an dieser Stelle mal so ausdrĂŒcken: Die ersten 100 km flache Ebene und Sand sind beeindruckend, danach kommt einem dann immer öfter der Gedanke, was zur Hölle einen geritten hat, hierher zu fahren. Ok, weil man es kann. Doch wir mĂŒssen immer öfter mit der MĂŒdigkeit kĂ€mpfen. Zum GlĂŒck haben Anja und ich den Funk und können uns unterhalten.

Fast sind wir traurig, dass es so gute Straßen gibt, denn damit ist das fahren wenig anspruchsvoll und die Konzentration driftet immer öfter ab. Doch wir beschweren uns nicht, denn dadurch können wir ein recht hohes Tempo halten und kommen schneller an. Jedenfalls in der Theorie.

Nach einer schier unendlichen und ereignislosen Fahrt kommen wir in Yazd an. Die Stadt duckt sich, so flach es geht, in den Sand der WĂŒste. Es gibt kaum GebĂ€ude, die höher sind als drei Stockwerke, und meistens ist alles in sandfarbenem Lehm erbaut. Das Streichen der HĂ€user hat hier einfach keinen Sinn, außer sich in sengender Hitze noch mehr Arbeit zu machen. SandstĂŒrme wĂŒrden die Farbe schnell dreckig aussehen lassen oder einfach von den WĂ€nden schmirgeln.

Wir fahren wieder einmal durch sehr enge Gassen, um das Hotel zu erreichen. Auch in dieser Stadt wĂ€ren wir nicht verwundert, wenn sich Aladdin an uns vorbeidrĂ€ngen und persische Wachen sĂ€belschwingend hinter uns her stĂŒrmen wĂŒrden. Man wĂŒrde das hier als alltĂ€gliches Bild betrachten.

An einem unscheinbaren GebĂ€ude mit der typischen DoppeltĂŒr finden wir das Schild, das uns unsere Übernachtung anzeigt. In der Beschreibung, die ich im Internet gelesen habe, war deutlich hervorgehoben, dass die Gastgeberin auch kantonesisch spricht. Daher bin ich wenig ĂŒberrascht, als mir ein Chinese die TĂŒr öffnet, nach dem ich den Klopfer benutzt habe. Es stellt sich aber schnell heraus, dass er selbst ein Gast ist.

Anja und ich bekommen von jemand anderem unser Zimmer gezeigt. Die Besitzer des Guesthouses sind unterwegs und dieser nette Herr hier ist ein Freund, der sich einen Tag um alles kĂŒmmert. Das Englisch des Herren ist eher als rudimentĂ€r zu beschreiben.

Als er die MotorrÀder sieht, wird er ganz aufgeregt und ich verbuche das als erstes unter der normalen Reaktion auf unsere Maschinen. Doch er lÀsst nicht locker, uns zu bedeuten, dass wir die MotorrÀder in den Innenhof bringen sollen. Das liest und schreibt sich hier alles erstmal ganz einfach. Wir stehen aber bei 40 Grad vor folgender Situation:

Um in den Innenhof zu kommen, mĂŒssen wir als erstes durch die EingangstĂŒr, die fĂŒnf cm breiter ist als die Lenker unserer MotorrĂ€der. An der TĂŒrschwelle beginnt ein 50 Zentimeter hoher Absatz, der zwar in der Mitte eine Rampe hat, die jedoch ist schmaler als unsere Vorderreifen. Wenn wir diesen Absatz geschafft haben, stehen wir mit den MotorrĂ€dern in einem Raum, der genauso lang ist wie die Maschinen. Doch wir mĂŒssen durch einen Durchgang, der links aus diesem Raum abzweigt und geradewegs auf eine Wand zulĂ€uft. Damit ist der schwere Teil geschafft und wir sind in einem Gang, der so breit ist, dass ich die MotorrĂ€der allein schieben kann. Dann bin ich in dem Innenhof, in dem jetzt die MotorrĂ€der nur noch abgestellt und umgedreht werden mĂŒssen. Sofern wir diesen Innenhof jemals wieder verlassen wollen.

Das Lustige ist jetzt an der Situation, dass der Gastgeberfreund nicht lockerlÀsst und das unbedingt machen möchte. Ich versuche immer wieder, ihm zu sagen und zu zeigen, wo ich die Schwierigkeiten dabei sehe. Doch er bedeutet mir, dass wir die MotorrÀder einfach hochheben und drehen werden. An dieser Stelle versuche ich dann auch noch zu erklÀren, was die Maschinen wiegen. Doch er will einfach nicht hören. Immer wieder hÀlt er mir das Telefon hin und die Gastgeber, die ja auch keine Ahnung haben, wie unserer MotorrÀder aussehen, beschwatzen mich.

Irgendwann gebe ich dann nach und wir wagen das Unterfangen. Damit der Gastgeberfreund seine Lektion auch richtig lernt, habe ich ihn an eine Position gestellt, an der er die Kraft und ich die Sicherheit der MotorrÀder kontrollieren kann. Sprich er schiebt und hebt, ich bremse und lenke.

Als erstes nehmen wir Anjas Maschine, denn wenn der nette Herr hier schon einsieht, dass die Aktion eine fragwĂŒrdige Entscheidung war, haben wir wenigstens nur die „leichte“ Maschine zum ZurĂŒckschieben. Der nette Herr wuchtet, schiebt und drĂŒckt und ist, entgegen meiner Erwartungen, ganz glĂŒcklich, dass wir das eine Motorrad tatsĂ€chlich in den Innenhof gebracht haben. Naja, dann halt jetzt meine Maschine: das „Eisenschwein“ mit knapp 300 Kilogramm. Da bin ich mal gespannt, ob er immer noch so grinst, wenn das geschafft ist. Tut er nicht.

Ich habe das GefĂŒhl, dass er sich bei irgendeiner Bewegung ordentlich was gezerrt hat, doch er versucht sich nichts anmerken zu lassen. Ich bedanke mich natĂŒrlich fĂŒr seine Hilfe und bewundere auch ehrlich, dass er das durchgezogen hat.

Den Rest des Abends versuche ich seinem Sohn noch eine Freude zu machen, indem er auf der Twin sitzen darf, wÀhrend die Maschine lÀuft. Und indem ich die Drohne fliegen lasse und dem Kleinen die Bilder gebe. Zu Hause hÀtte ich ihn auf jeden Fall auf ein Bier eingeladen. Doch damit kann ich hier leider nicht aufwarten.

Anja und ich werden an diesem Abend von den drei Chinesen (Anmerkung der Redaktion: mit dem Kontrabass?), die ebenfalls GĂ€ste im Hostel sind und traditionell gekocht haben, eingeladen. Wir unterhalten uns prĂ€chtig und bekommen viele nĂŒtzliche Informationen ĂŒber China, was ja unser erklĂ€rtes Ziel ist.

Den nĂ€chsten Tag verbringe ich als erstes mit kleineren Wartungen an den Maschinen und sonst mit faulenzen und reden. Liu, einer der Chinesen, ist auf einer kleinen Rundreise durch den Iran. Mit ihm komme ich sofort super zurecht und wir unterhalten uns viel ĂŒber verschiedene Apps und Einkaufmöglichkeiten in China.

Er hat die gleiche Flugdrohne wie ich und im Verlauf der GesprĂ€che klage ich ihm auch mein Leid, dass das ganze Zubehör dafĂŒr in Deutschland so teuer ist – oder erst gar nicht erhĂ€ltlich. Am Ende schenkt er mir eine Packung mit zwei Ersatzrotoren. Das kostet ihn knapp zwei Dollar und ich bin sehr erleichtert, dass ich nun endlich fĂŒr einen kleinen Absturz gewappnet bin. Zur Feier des Tages fliegen wir gleich eine Runde und dann gehen Anja und ich einkaufen.

Heute haben wir alle zum Essen eingeladen. Ich bekomme Rinderhackfleisch, das zwar tiefgefroren ist, aber billiger als das Wasserputenfleisch aus der Aldi Theke und da ich auch noch gut mit GewĂŒrzen ausgestattet bin, gibt es Spaghetti Bolognese.

Die KĂŒche ist zwar heiß wie die Hölle, denn der Gasofen gibt auf jeder Flamme alles, was er kann – egal an welchen Knöpfen ich hier drehe – doch ich bekomme einen ganz ordentlichen Geschmack hin. Und was mich am meisten freut: es schmeckt auch allen anderen.

Am nĂ€chsten Tag passiert es zum ersten Mal, dass Anja und ich den Wecker ĂŒberhören und damit ein wenig spĂ€ter als geplant losfahren können. Zumal wir ja auch noch die MotorrĂ€der ĂŒber den beschriebenen Hindernisparcours wieder auf die Straße bringen mĂŒssen.

Das Ziel heute soll Tabas sein. Erneut geht es einige hundert Kilometer durch die WĂŒste und am spĂ€ten Vormittag ist es schon unertrĂ€glich heiß. Man beschreibt das ja in neuer Sprache als „intensive Erfahrung“, aber langsam reicht es uns mit „intensiv“, was die WĂŒste angeht.

Wir sind sehr froh, dass wir recht schnell am der Moschee in Tabas ankommen. Mohammed, unser Gastgeber aus Yazd, hatte uns gesagt, dass es viele GÀstezimmer hier gibt und das wir dort sicherlich unterkommen können. Leider klappt das nicht ganz so glatt wie geplant. Wir können hier schon schlafen, doch die MotorrÀder stehen uns persönlich viel zu weit weg und daher kehren wir einfach in ein kleines Hotel ein.

Tabas hat eine große Moschee und damit ist praktisch auch schon alles gesagt. Der Rest der Stadt besteht aus eher einfachen HĂ€usern. Die Stadt ist sehr klein. Anja und ich machen uns also fertig, um morgen die vorletzte Etappe nach Maschad zu fahren. Dort warten unsere Visa nach Turkmenistan.

Heute haben wir nĂ€mlich im Verlauf des Tages unsere Referenznummer aus der Botschaft in Teheran bekommen. Wir haben bei jeder Pause die Botschaft angerufen und letztendlich die Nummer erfahren. Das ist ein schöner Teilerfolg, denn ohne die Nummer oder das Visum, mĂŒssen wir so schnell es geht aus dem Iran heraus.

Es ist hier leider nicht möglich die VISA-Karte zu nutzen, weshalb so langsam das Ende unseres Geldvorrates in Sicht kommt. Wir versuchen alles auf Sparflamme zu halten, doch Benzin und Essen kann man nicht weglassen.

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