Der heilige Mann als Guide

14.

07.

2017

China Tour | erz├Ąhlt von Michl

Wir h├Ąngen auf den ersten Kilometern des Tages unseren Gedanken nach. Wir sind jetzt wieder auf uns gestellt - ohne Dolmetscher und ohne Empfehlungen. Doch Mehdi hat am Morgen noch schnell ein Hotel in Esfahan angerufen und uns einen guten Preis organisiert. Das soll ein sehr traditionelles Hotel sein. Wir sind sehr gespannt, was damit wohl gemeint ist und fahren mal wieder wie durch einen hei├čen Backofen nach Esfahan.

Die Stadt ist ├╝berraschend gro├č und ich bef├╝rchte schon, dass wir in einem der Riesenhotels enden werden. Doch dann kommt es total anders und wir fahren in die Altstadt, in welcher die meisten Geb├Ąude noch aus dem urspr├╝nglichem Lehm bestehen. Durch total verwinkelte Gassen kommen wir am Sunrise Hotel an. Ich schreibe hier mal den Namen aus, denn ich kann diesen Ort vorbehaltlos empfehlen.

Wir kommen durch eine sehr sch├Âne Lobby in einen Innenhof, der dem H├Ąndlerhaus sehr ├Ąhnlich sieht, welches wir erst gestern besucht haben. In der Mitte des Hofes pl├Ątschert ein Brunnen vor sich hin und erfrischt damit die Luft. Wir packen aus und nach dem das Staunen der Angestellten dar├╝ber, dass Anja die gro├če BMW f├Ąhrt, abgeebbt ist, ruhen wir uns erstmal aus.

Das Fahren hier ist zwar nicht schwer, da die Stra├čen gut sind und wir auch mittlerweile keine Probleme mehr mit dem Stra├čenverkehr haben, aber diese Hitze von mehr als 45 Grad jeden Tag zehrt an unseren Kr├Ąften.

Am Abend fahren wir mit einem Taxi zum gro├čen Marktplatz Nash-e Jahan Square und sind aufs Neue beeindruckt, wie viele Familien noch unterwegs sind. Wir schlendern durch den Trubel, holen uns ein Eis und genie├čen einfach die Umgebung. Der Platz ist auch in der Nacht eine Augenweide, weil alles ausgiebig beleuchtet ist.

Vor der Gro├čen Moschee treffen wir Sam, der uns noch zum Abendessen in ein nettes Restaurant bringt und mit dem wir uns viel unterhalten. Sp├Ąter bringt er uns dann zum Hotel und so sparen wir uns das Geld f├╝r das Taxi. Durch Sam haben wir erfahren, welche Orte besonders sch├Ân und nicht zu sehr ├╝berlaufen von Touristen sind. Anja und ich schmieden also f├╝r morgen einen Plan und dann geht es gegen zwei Uhr erstmal ins Bett.

Der erste Weg nach dem Fr├╝hst├╝ck f├╝hrt uns zu der Sehensw├╝rdigkeit, welche am n├Ąchsten liegt. Wir machen uns zu Fu├č auf den Weg zur Freitagsmoschee. Wir sind schon fast am Eingang, als uns jemand auf English anspricht, der hinter uns geht. Wir staunen nicht schlecht, als wir uns umdrehen und einen Mann sehen, der die Kleidung eines Ruhollah tr├Ągt. Hier ist also ein Priester des Islam, der uns als Touristen erkannt hat und der uns in sehr gutem English erkl├Ąrt, dass er uns gern die Freitagsmoschee zeigen m├Âchte.

Wir sagen sofort zu, denn der Mann ist ja praktisch perfekt daf├╝r geeignet uns die sch├Ânsten Ecken zu zeigen und die Geschichte der Moschee zu erz├Ąhlen. Doch unser Gl├╝ck h├Ąlt weiter an. Als wir die Moschee betreten, beginnt eine F├╝hrung f├╝r ein Gruppe Iraner. Normalerweise bringt uns das nichts, doch der Ruhollah schlie├čt sich da einfach an und ├╝bersetzt alles f├╝r uns.

Zum gro├čen Teil kann man (auch ohne Farsi sprechen zu k├Ânnen) erkennen, dass der Reisef├╝hrer einfach nur Daten und Zahlen herunterbetet. Unser ÔÇ×├ťbersetzerÔÇť versieht alles noch mit mehr Leben, Erkl├Ąrungen und Geschichten. Zus├Ątzlich ergibt es sich, dass bei mehreren Gelegenheiten an denen die Gruppe weitergeht, wir mit dem Ruhollah noch ein wenig verweilen und dann ├Âffnet sich doch noch die T├╝r, welche f├╝r die anderen Touristen versperrt war.

Da ich ja an allen m├Âglichen Geschichten und Mythen sehr interessiert bin, ist das ein sehr interessanter Tag f├╝r mich. Anja mag da eher die Kurzfassungen. Doch da ich mit Zuh├Âren v├Âllig ausgelastet bin, ├╝bernimmt Anja die Bilddokumentation.

V├Âllig in ÔÇ×Tausend und einer NachtÔÇť-Geschichten versunken, steuern wir wieder das Hotel an. Der Ruhollah hat uns seine Telefonnummer gegeben und versprochen, dass wir uns gern melden d├╝rfen, wenn wir die Gro├če Moschee auf dem Nash-e-Jahan Platz anschauen m├Âchten. Denn er hat einige Jahre dort studiert und kennt auch dort viele Leute.

Auf dem Weg zur├╝ck f├Ąllt uns auf, dass ein kr├Ąftiger Wind weht. Und irgendwie recht viel Dunst in der Luft liegt. Wir erleben das erste Mal einen Sandsturm. Das verdirbt uns leider den Nachmittag und auch den Abend:

Als wir uns kurz auf den Weg machen ein nahegelegenes Lokal zu besuchen ist es praktisch unm├Âglich ohne Mundschutz zu atmen. Daher ergeben wir uns einfach den Kr├Ąften der Natur. Durch diese lange Zeit der Erholung sind wir am n├Ąchsten Fr├╝h gut ausgeruht und hei├č auf mehr Geschichten.

Wir rufen den Ruhollah an und fragen, ob sein Angebot noch steht. Er ist sofort bereit und wir begeben uns zu seinem Arbeitsplatz. Das ist ein heiliger Schrein in der N├Ąhe der Moschee, welche er uns gestern gezeigt hat. Wir holen ihn ab und machen uns also auf den Weg zum gro├čen Platz und schon auf dem Weg dahin, bin ich wieder tief ins Gespr├Ąch versunken.

Wir kommen auch auf den Islam an sich und die anderen Religionen zu sprechen und ich stelle zu meiner Verwunderung fest, dass er ein sehr aufgeschlossener Mann ist. Die Ansichten in unseren Breiten sind ja eher drastisch, was die Priester des Islam angeht. Als wir den gro├čen Platz erreichen, erfahren wir von der folgenden Geschichte:

Ein Shah hat vor vielen hundert Jahren die Bedeutung der Stadt Esfahan erkannt und wollte sein Bestes tun, um den Reichtum und den Wohlstand zu f├Ârdern. Daher beauftragte er einen Architekten, einen Platz zu bauen. Dieser Platz sollte so schnell gebaut werden wie m├Âglich, sollte gleichzeitig Bazar und Erholungsort sein.

Der Architekt begann mit der Arbeit und setzte als erstes das ganze Areal unter Wasser. Er sorgte daf├╝r, dass immer wieder Wasser nachlief und der Platz niemals trocken wurde. Der Shah war zuerst verwundert und wollte nach einigen Monaten wissen, warum noch keine Baustelle errichtet wurde und nur Wasser auf dem Platz steht. Doch der Architekt war verschwunden.

Irgendwann wurde der Shah b├Âse, weil sein Befehl offensichtlich nicht ausgef├╝hrt wurde und der Architekt ihn zum Narren hielt. Er schickte seine Soldaten los, den Mann zu finden und zu t├Âten. Die Soldaten fanden den Mann, weit weg von Esfahan. Als Einsiedler hauste der Mann weit entfernt von der Zivilisation.

Der Architekt bat darum, dass er zum Shah gebracht wird, weil es offensichtlich ein Missverst├Ąndnis gibt. Denn auf dem Platz w├╝rde ja schon die ganze Zeit gebaut werden. Die Soldaten fanden das zwar verr├╝ckt, aber sie machten sich auf die lange Heimreise und brachten den Mann zur├╝ck nach Esfahan.

Dort wurde er vor den Shah gef├╝hrt. ├ťber ein Jahr war vergangen bis der Architekt gefunden war und nun endlich zur├╝ckgebracht wurde. Der Shah war au├čer sich und fragte, warum er denn nicht wie befohlen den Platz errichten w├╝rde. Da erkl├Ąrte der Architekt, dass er schon die ganze Zeit daran arbeiten w├╝rde. Er zeigte dem Shah Zeichnungen und Pl├Ąne von dem Platz, und dar├╝ber war der Herrscher wiederrum erfreut.

Doch warum waren denn keine Bauarbeiter und Ger├╝ste zu sehen. Der Architekt erkl├Ąrte, dass der Boden viel zu weich war, um darauf diese gro├čen Geb├Ąude zu errichten. Darum h├Ątte er das Wasser auf den Platz geleitet, um damit den Boden zu verdichten. Er sei geflohen, weil er wusste, dass der Shah zu schnell Ergebnisse sehen wollte, doch damit w├Ąre der Boden nicht fest genug gewesen. Jetzt wo so viel Zeit verstrichen war, konnte der Architekt beginnen und errichtete den Platz, der heute in Esfahan steht.

Wenn man sich den Platz ansieht, ist man versucht der Geschichte viel Glauben zu schenken. Mitten in einer W├╝stenstadt ist ein riesiger Bazar errichtet und nicht ein Geb├Ąude hat Risse oder ist schief, weil der Boden sich gesenkt hat. Mit solchen Geschichten und Berichten werden Anja und ich bis in die Gro├če Moschee gef├╝hrt. Dort bekommen wir erneut eine Privatf├╝hrung und tiefe Einblicke in den gar nicht so strengen Islam. Da haben sich die Baumeister sogar einige Sp├Ą├če erlaubt, die die Jahrhunderte ├╝berdauert haben.

Wir haben die Tour durch die Moschee fast beendet, als der Azat ert├Ânt. Der Ruf zum Gebet ist hier viel leiser als man das erwarten w├╝rde. Ich habe noch nie erlebt, wie man im Islam betet und frage so h├Âflich ich kann, ob der Ruhollah mir zeigen kann, wie man in einer Moschee betet. Er ist sofort bereit mir alles zu erkl├Ąren und nimmt mich nach dem Waschen mit in den Gebetsraum.

Der Ort an sich ist nichts Besonderes, aber es gibt einige Besonderheiten, die doch den Unterschied zum Beten im Christentum ausmachen. Zum einen ber├╝hrt man mehrfach mit der Stirn einen Stein am Boden vor sich, um sich bewusst zu werden, dass wir alle aus dem gleichen Staub gemacht sind und keiner besser ist als der neben einem.

Und das ist auch schon der zweite gro├če Unterschied. W├Ąhrend in einer Deutschen Kirche schon jeder gern seinen Freiraum hat sitzen die Gl├Ąubigen hier beim Beten eng zusammen. Keiner ist abseits. Das erzeugt ein sehr starkes Gemeinschaftsgef├╝hl.

Durch einen andern ÔÇ×ungl├ĄubigenÔÇť Deutschen, der auch dabei ist, kann ich sogar ein paar Bilder machen lassen. Ich bin sehr froh, dass ich diese Erfahrung machen konnte. Ich habe insgesamt das Gef├╝hl, dass meine Vorurteile hier im Iran abgebaut werden.

Der Ruhollah, der nun schon den ganzen Vormittag mit uns verbracht hat, wird ein wenig unruhig und wir vermuten, dass er gehen m├Âchte, aber das Gastrecht und seine Gastfreundschaft bringen ihn in eine Zwickm├╝hle. Wir geben ihm also einen guten Grund zu gehen, indem wir behaupten, dass wir jetzt ins Hotel zur├╝ckgehen, weil wir m├╝de sind. Er ist sichtlich erleichtert und gesteht, dass er jetzt schnell zu einem Termin muss. Wir bedanken uns herzlich und w├╝nschen ihm alles Gute.

Nachdem Anja und ich wieder allein unterwegs sind, st├Ąrken wir uns als erstes mit ein wenig Eis und dann besuchen wir den Spiegelpalast, wo wir uns im Teehaus niederlassen und die weitere Reise besprechen. Hier in Esfahan haben wir einen wichtigen Punkt in unserer Reise erreicht.

Wir sind so gespannt gewesen, was uns hier in einer so alten und interessanten Stadt erwartet. Wir mussten aber auch feststellen, dass unsere Zeit hier nicht ausreicht, um alles zu sehen und zu erfassen was es hier an Sehensw├╝rdigkeiten gibt. Doch durch die intensiven Eindr├╝cke, die wir hier sammeln konnten, haben wir nicht das Gef├╝hl diesem Ort zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Morgen geht es tiefer in die W├╝ste nach Yazd. Wir sind gespannt was uns dort erwartet.

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