Geschafft!

01.

09.

2017

China Tour | erzählt von Anja

Wir haben Ulan Bator erreicht! Hauptstadt der Mongolei und unser erklärtes Ziel – zumindest zu Beginn! Eigentlich sollte für unsere Motorräder dies die letzte Station werden, während wir mit dem Zug weiter nach China reisen. Mittlerweile hat sich alles geändert und wir werden noch einmal auf unsere Motorräder steigen, um nach Japan zu fahren, aber so oder so ist es Zeit für ein Resümee ...

Wir können kaum glauben, dass wir hier sind! Es fühlt sich nach einer Ewigkeit an, seid wir Deutschland verlassen haben. Wir haben einfach die Tür hinter uns zugeschlagen und sind los gefahren, wir haben nicht einmal mehr einen Schlüssel für unsere Tür. Damals war es ein komisches Gefühl dieses Abenteuer zu beginnen. Wir haben mindestens 20 Kilometer lang in unseren Helmen gelacht und geweint zur selben Zeit, ohne zu wissen, ob das eine mutige oder eine dämliche Entscheidung war, einfach loszufahren.

Als wir die ersten Kilometer gefahren sind, haben wir das Display auf unseren Maschinen beobachtet und mitgezählt. Wir haben uns wie Helden gefühlt und waren so stolz als wir die ersten eintausend Kilometer geschafft hatten!

Andererseits haben wir uns gar nicht getraut von unserem Abenteuer zu erzählen, das noch vor uns lag. Auf dem Campingplatz, gerade mal eine Woche von unserem sicheren Zuhause entfernt, sind wir uns wie Hochstapler vorgekommen zu behaupten wir fahren jetzt einfach bis in die Mongolei.

Jetzt, fast 20.000 Kilometer und 4 Monate später sind wir genau an diesem Punkt, in Ulan Bator. Jetzt kommen uns Sätze wie „hm, das sind nur 2.500 Kilometer, da können wir nächste Woche hin!“ ganz leicht über die Lippen. Jeden Tag 500 Kilometer zu fahren, um Russland zu durchqueren kommt einem vielleicht dämlich vor. Aber ich musste auch noch nie ein Hotel nach der halben Strecke nehmen, wenn ich von Ingolstadt nach Berlin gefahren bin, weil ich von der langen Fahrt zu erschöpft gewesen bin.

Auch über fremde Städte wie „Buxoro“, „Duschanbe“ oder „Semei“ zu sprechen, fühlt sich ganz normal an, wobei die meisten Leute weder wissen in welchen Ländern diese Städte liegen, geschweige denn, wie man das richtig ausspricht. Aber wir leben ja hier, reden über die besten Strecken und verschiedene Orte mit anderen Reisenden, planen unsere Route und suchen nach Unterkünften. Wir lernen das Land Schritt für Schritt kennen. Ich bin sicher, dass es Städte in Deutschland gibt, von denen du noch nie gehört hast, aber die Namen der exotischen Inseln von deinem letzten Urlaub in Thailand kannst du auswendig!

Damit will ich nicht sagen, dass unsere Reise einfach oder langweilig ist, oder gar nichts besonderes. Was ich versuche zu erklären: Die Welt fühlt sich jetzt anders an! Die Probleme des Alltags scheinen es gar nicht wert zu sein darüber zu reden und jede Nacht in einem anderen Bett zu schlafen ist für uns selbstverständlich.

Wir führen zurzeit ein sehr einfaches Leben und verbringen unsere Zeit mit Lesen und auf Facebook surfen. Ja, natürlich haben wir W-Lan in der Mongolei und ja, natürlich können wir an der Tankstelle mit Karte zahlen. Manches, was wir uns ganz anders vorgestellt haben ist hier überraschend normal und andere Dinge wiederum sind ganz anders. Aber das muss man selbst erlebt haben, es wird deine Ansichten auf eine Weise auf den Kopf stellen, die du dir vorher nicht träumen lässt.

Und wir sind nicht allein. Auf unserem Weg haben wir schon hunderte – im wahrsten Sinne des Wortes – andere Reisende getroffen, die alle einen ähnlichen Weg hinter sich haben. Wenn du denkst, das ist die Reise deines Lebens, das ist etwas ganz besonderes, dann gibt es jemanden, der noch krasser ist, ein spezielleres Gefährt hat oder schneller und weiter fährt.

Wir selbst haben auch geglaubt, das wir etwas besonderes sind und es war ein wenig ernüchternd heraus zu finden, dass wir nur zwei unter vielen sind. Aber natürlich sind wir nicht die ersten und auch nicht die letzten, die auf die Idee gekommen sind. Wir müssen uns nicht selbst geißeln, es wird immer jemanden geben, der vermeintlich „besser“ ist.

Jede Reise und jede Geschichte ist für sich einzigartig und zumindest für dich etwas besonderes! Und es geht nicht darum, was du alles geschafft hast, sondern was du erlebt und welche Erfahrungen du gemacht hast. Und die machst du nur für dich selbst und nicht um irgendjemanden irgendetwas zu beweisen. Jeder hat seine eigene unglaubliche Geschichte und ist bereit sie dir zu erzählen, wenn du bereit bist zuzuhören.

Und wo wir gerade von interessanten Geschichten sprechen: Wenn es dann daheim ans Bilder zeigen geht und du von diesen atemberaubenden Abenteuern erzählst, erwähnt niemand wie oft du gezweifelt hast. Wie oft du auf deinem Motorrad gesessen hast und dir dachtest „wer, zur Hölle, ist auf den Gedanken gekommen 20.000 Kilometer zu fahren – auf einem MOTORRAD?!“ 

Du fühlst dich überhaupt nicht wie Superman, wenn du dich im Zelt herumwälzt und frierst, weil du dir das Geld für den besseren Schlafsack sparen wolltest. Und jetzt bist du hier, auf 4.200 Metern Höhe, weil du es nicht mehr vor Sonnenuntergang ins Tal geschafft hast, weil ein Fluss in deinem Weg war. Es hat dich eine Stunde gekostet, dein ganzes Gepäck durchzutragen und das Motorrad durchs Wasser zu schieben. Also hast du dein Zelt aufgestellt und versuchst jetzt bei 4 Grad einzuschlafen und hoffst, dass du nicht Höhenkrank wirst.

Was dir keiner erzählt ist, dass es überhaupt nicht heldenhaft ist, 3.000 Kilometer auf den perfekten Asphaltstraßen durch die weite Wüste des Iran zu fahren oder durch Russland zum Baikalsee. Du musst nur gut den Lenker festhalten und dich darauf konzentrieren nicht einzuschlafen ...

Das größte Problem wird nicht sein, Hilfe im Notfall zu bekommen, sondern etwas richtiges zu Essen zu finden. Eier und Gurken scheinen rund um den Globus schon alles zu sein, was man für ein gutes Frühstück braucht. Und jetzt wo ich ja schon pingelig mit dem Essen daheim bin, wo ich für mich selbst aussuchen kann, was wir kochen, ist ein Abendessen bestellen manchmal ein Albtraum! Cola und ein Snickers sind derzeit unsere Hauptspeise.

Wir haben immer über die Touristen gelacht, die nach Indonesien, Singapur oder in die Karibik fliegen, dort dann ihr Schnitzel mit Pommes im all-inclusive Hotel bestellen und den Pool für zwei Wochen nicht verlassen. Aber als mir eine mongolische Bedienung neulich Käsegreiner mit Pommes serviert hat, hatte ich fast Tränen in den Augen vor Glück!

In dem Moment wo du deine Stiefel ausziehst und die Fenster deswegen anlaufen und du dir völlig bewusst bist, dass du dir seit vier Tagen die Haare nicht gewaschen hast ... Ist es das größte Glück auf Erden eine Dusche zu haben, wo zwar schon aus dem Schlauch überall das Wasser heraus spritz, aber zumindest ist es warm! Du glaubst es vielleicht nicht, aber du wirst dich lieber in die Büsche schlagen, als auf diese stinkenden Hütten zu gehen, was die am Truck Stopp als Toilette bezeichnen.

Wir wussten gar nicht, was wir alles schaffen können, was wir alles aushalten können, bis das Hindernis direkt vor uns lag. Aber auch wenn sich das alles jetzt schrecklich anhört – das ist es gar nicht! Es ist dir nicht mehr peinlich, wenn dir das Deo ausgeht und du nicht duschen kannst, weil jeder um dich herum auf seiner Reise irgendwann genau an dem selben Punkt ist!

Du vergisst einfach, wie schlimm der Tag war, genau in dem Moment, in dem du dich mit einem Bierchen in der Hand vor deinem Zelt niederlässt. Du fühlst dich vielleicht nicht heldenhaft, wenn du nach acht Stunden steif von deinem Motorrad steigst und ins Hostel stolperst, aber das wird sich schnell ändern, wenn du das Glänzen in den Augen des iranischen Portiers siehst, der in seinem ganzen Leben noch nie ein Motorrad über 250 ccm gesehen hat und überhaupt nicht wusste, dass es möglich ist einfach deine Tasche zu packen und alle Grenzen zu überwinden, um die Welt zu bereisen.

Für jedes Problem gibt es eine Lösung und auch wenn es dir manchmal nicht so vorkommt, die ganzen Strapazen sind es am Ende wert! All diese Kulturen zu erleben, diese Landschaften zu sehen, Freundschaften zu schließen mit Menschen, die wir niemals kennengelernt hätten, wenn wir Deutschland nicht verlassen hätten war uns ein Vergnügen! Wir haben so viele Erfahrungen gewonnen und sind voller Erinnerungen. Die schlechten Erinnerungen haben wir entweder bereits aus unserem Gehirn gelöscht oder sie haben sich auf wundersame Weise in eine witzige Geschichte verwandelt, die wir nicht müde werden immer und immer wieder zu erzählen.

Natürlich bist du genervt, wenn sie dir sagen, dass du jetzt erst einmal zwei Wochen in Jerevan festsitzt, um auf dein Visum zu warten! Du regst dich auf, wenn du heraus findest, dass dich der nette Typ an der Grenze gerade um 200 € beim Geldwechseln beschissen hat.

Aber wir hätten einige Leute verpasst, wenn wir schneller gewesen wären, oder sie wären schon lange weg gewesen ... Wir hätten vielleicht später andere Entscheidungen getroffen und wären sicherlich auf jemand anderen herein gefallen.

Am Ende ist es wohl eine Mischung aus allem was wir befĂĽrchtet und allem was wir uns erhofft hatten. Wir sind froh, dass jetzt alles genau so ist, wie es ist. Was als verrĂĽckte Idee begonnen hat, hatte auf einmal einen Termin und auf einmal sind wir hier!

Wir freuen uns schon darauf nach unserer Tour nach Hause zu fahren, unsere Familie, Freunde und nicht zuletzt unser Sofa wiederzusehen. Und wir wollen trotzdem noch zu Ende bringen, was wir begonnen haben: Die Africa Twin nach Hause nach Japan bringen und China sehen!

Es ist 17 Jahre her – kaum vorstellbar – dass Michl die Idee hatte die alte Seidenstraße entlang zu fahren. Er hat schon mit einem Freund zu planen begonnen, aber es hat dann nie stattgefunden. Sein Freund hat geheiratet und Michl hatte selbst Freundinnen, hat den Techniker gemacht, hatte nicht das Geld und so weiter ... Als wir uns kennengelernt haben und er mir von seinem unerreichbaren Traum erzählt hat und war meine Antwort nur „wann fahren wir los?“.

Ich hoffe wir haben es allen gezeigt, die dachten wir würden nie los fahren, oder es nie bis Ulan Bator schaffen. Und ich hoffe wir haben allen gezeigt, das es möglich ist sich einen Traum zu erfüllen!

Jetzt ist es Zeit fĂĽr einen neuen Traum.

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