Mit geschlossenen Augen ins reine GlĂŒck

11.

07.

2017

China Tour | erzÀhlt von Michl

Als wir in Mehdis Haus ankommen, packen wir erstmal aus und schlafen eine Runde. Ein Mittagsschlaf ist zu einer netten Gewohnheit geworden in diesen heißen LĂ€ndern. Besonders weil jeder Abend, beziehungsweise die Nacht, locker bis zwei Uhr ausgenutzt wird, um zu reden und zu essen. Doch unsere Ankunft im Dorf ist nicht unbemerkt geblieben.

Es dauert nicht lange, da klopft es am großen Gartentor und ein Freund von Mehdi steht davor. Die beiden haben sich zum einen lange nicht gesehen, zum anderen wollen die beiden MotorrĂ€der, die eben durch die Straße geknattert sind, erstmal angesehen werden.

Wir bekommen davon zunĂ€chst wenig mit. Doch als es zum Abendessen geht, stellen wir fest, dass der liebe Mehdi hier auf recht verlorenem Posten ist. Viel hat er nicht da. Doch wir sollten uns tĂ€uschen, denn auf einmal rĂŒckt der eben erwĂ€hnte Freund mit Frau und Kind an. Die haben dann reichlich zu Essen dabei.

Wir schlagen uns die BĂ€uche voll und genießen den Reis mit Fleisch, TrockenfrĂŒchten und Kichererbsen und erzĂ€hlen mal wieder lange. Am nĂ€chsten Tag haben wir ein volles Programm. Zuerst geht es in eine Tropfsteinhöhle, die zu den GrĂ¶ĂŸten im Iran zĂ€hlt. Wieder mĂŒssen wir nicht mit den eigenen MotorrĂ€dern fahren, sondern können es uns bei Mehdi im klimatisierten Auto bequem machen. Wenn es heißt „das ist ganz nah“, können es im Iran mal locker 70 Kilometer Fahrt werden.

Doch die Besichtigung der Höhle ist schon wieder ein GlĂŒcksfall fĂŒr uns. Denn wir mĂŒssen zwar einen höheren Eintritt als die Einheimischen zahlen, aber dafĂŒr haben wir auch echt Zeit. Über einen Kilometer laufen wir in die Höhle hinein. Die meisten Besucher unserer Gruppe kommen uns schon wieder entgegen. Es haben sich nĂ€mlich auch Menschen, die auf KrĂŒcken angewiesen sind und Besucher mit Kleinkindern auf den nicht gerade leichten Weg gemacht. Diese Leute haben aber dann auch festgestellt, dass es eine doofe Idee war und kehren nach 300 Metern um. Tja, da hĂ€tte man nachdenken sollen.

Der GlĂŒcksfall ist, dass der Guide der Tour bis zum Ende lĂ€uft, dort auf die letzten Leute wartet, und die dann mit zurĂŒckbegleitet. Das heißt, wir bekommen eine PrivatfĂŒhrung und auch noch Zutritt in Bereiche, die eigentlich geschlossen sind. Mit Mehdi, der einfach auch ein Mensch ist, der gern mit anderen redet, plus die Tatsache, dass wir von soweit herkommen, machen es möglich.

Wir versuchen ein paar schöne Bilder von dieser verzauberten Unterwelt zu machen und ich wĂŒnsche mir gerade wirklich, ich hĂ€tte die AusrĂŒstung und das Talent professionelle Bilder zu machen. So bleibt mir nichts anderes ĂŒbrig als meine Sony Kamera zu nutzen, zu staunen und genießen.

Als wir uns dem Ausgang nĂ€hern, ahnen wir Böses. Wir haben es in der Höhle gar nicht gemerkt wie angenehm kĂŒhl es doch ist. Es kommt knall hart. Wir lassen die TĂŒr hinter uns zufallen und stehen in der prallen Sonne. Fast sofort ist Anja und mir schwindlig. Wir sind geradewegs in einen Backofen gelaufen. Der Boden glĂŒht uns entgegen, die Sonnen brennt uns auf den Kopf. Dazu geht ein wenig Wind. Kurzum, wir wissen jetzt wie sich ein HĂ€hnchen im Umluftherd fĂŒhlt. Als wir ins Auto steigen wollen, mĂŒssen wir den Motor starten und die Klimaanlage laufen lassen bevor wir einsteigen können. Das Thermometer zeigt 49 Grad. 

Wir fahren nach Kaschan und besuchen dort einen alten persischen Garten, welcher frĂŒher auch noch Bibliothek und Lehrort (Madrassa) war. Hier hat es auch einen Mord gegeben und es gibt eine Art Erlebnispfad, an dem man diese Tat mit Puppen nachgestellt sieht. Hat vielleicht etwas Morbides, aber die Leute gehen voll drauf ab.

Der Getötete war ein Lehrer und Gegenspieler des Schah im 18. Jahrhundert und konnte nur durch einen Trick um die Ecke gebracht werden. Die EnglÀnder hatten da ihre Wurstfinger mit im Spiel und haben das in die Wege geleitet, als der Schah besoffen war. Danach tat das zwar allen irgendwie leid, aber damit hatte sich das dann auch schon. War ja aber schon immer so, dass man gefÀhrlich lebt, wenn man den Mund aufmacht.

Wir können auch hier ein paar nette EindrĂŒcke sammeln und machen uns dann noch auf in ein altes HĂ€ndlerhaus aus der Zeit der Karawanen, als die Seidenstraße noch dreispurig befahren wurde. In dem Garten und in dem HĂ€ndlerhaus ist es tatsĂ€chlich auch bei Weitem nicht so heiß wie draußen auf der Straße.

Wir sind verblĂŒfft und lassen uns erklĂ€ren, dass es mit dem Wasser in den allgegenwĂ€rtigen Rinnen und Brunnen zu tun hat, in denen unablĂ€ssig Wasser plĂ€tschert, sowie mit der Architektur der GebĂ€ude. Es gibt sogar eine Art KĂŒhltĂŒrme, die den heißen Wind der aus der WĂŒste fegen, einfangen, abkĂŒhlen und in den Keller leiten. Die hatten es hier frĂŒher echt drauf. Was genau dann den Verfall dieses immensen Wissens begrĂŒndet hat, darĂŒber sollen sich andere streiten. Ich finde es schade, weil offensichtlich auch hier eine Hochkultur verschwunden ist. Ähnliches ist ja in Rom auch zu bewundern und auch dort ist fragt man sich ja umsonst, wie es denn wohl kam.

Nun gut. WĂ€hrend ich also meinen Gedanken nachhĂ€nge, fahren wir wieder zurĂŒck in Mehdis Dorf, denn heute steht noch ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung. Wir wurden nĂ€mlich von unserem Gastgeber gefragt, ob wir mit ihm eine Runde auf unseren Maschinen drehen.

Am liebsten wĂŒrde er ja auf der Twin fahren. Doch bei mir sitzen die Benzinkanister auf dem Sozius. Darum und mit der Versicherung, dass Anja eine gute Fahrerin ist, setzt sich Mehdi auf die BMW. Seinen Lieblings-Selfie-Stick hat er auch dabei und will filmen. Wir lachen schon die ganze Zeit in uns hinein. Er hat ja keine Ahnung, was ihn gleich erwartet.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal schnell erwĂ€hnen, dass es im Iran eine große Menge an Skootern und Mopeds gibt, die aber alle kleiner sind als 250ccm. Das ist die maximale Zulassungsgrenze fĂŒr motorisierte ZweirĂ€der im Iran. Das schlechte Benzin, die unzureichende Wartung und das schiere Alter der kleinen Mopeds machen es jedoch praktisch unmöglich schneller als 65 km/h damit zu fahren. Wir haben also die grĂ¶ĂŸten Maschinen weit und breit. Dazu kommt das Anja und ich genau wissen, dass Mehdi noch nie in seinem Leben auf einem so großen Motorrad gesessen hat.

ZurĂŒck zu dem Punkt des Aufsitzens. Wir versuchen Mehdi mehrfach zu einer Brille zu bewegen, aber er hört nicht auf uns. Dann geht es los. Zuerst lassen wir es langsam angehen, jedenfalls bis zur gut einsehbaren und sehr gut asphaltierten Hauptstraße. Anja und ich haben ja einen Funk und daher mache ich die Strecken Erkundung und Anja dreht am Gas. Wir brettern durch einen Canyon der Autobahn entgegen und Mehdi ist konstant am Jubeln und dabei Freudenschreie auszustoßen.

Zweimal lasse ich mich kurz zurĂŒckfallen, um ein paar Aufnahmen von ihm zu machen. Wie erwartet hat er die meiste Zeit die Augen zu, weil ihm der heiße Wind Sand in die Augen weht. Aber er versucht weiterhin Bilder mit seinem Selfie-Stick zu machen. Als wir anhalten, um ihm eine Pause zu gönnen und umzukehren, springt er voller Adrenalin von der Maschine und rennt herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. Ich lasse ihn die Hand ausstrecken und er zittert vor Aufregung wie Espenlaub.

Anja und ich lachen uns schlapp, wĂ€hrend er versucht seinen wilden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Bei der RĂŒckfahrt treffen wir seine Freunde vom gestrigen Abendessen und nach etwas drucksen, steigt die Frau auf die BMW und wir wissen wieder, dass auch sie keinen Schimmer hat, was gleich passiert.

Nach ein paar Minuten Fahrt lassen wir also den zweiten Menschen, der völlig berauscht von GlĂŒckshormonen ist, von der BMW krabbeln. An diesem Abend sind wir nicht mehr der Mittelpunkt, sondern die Bilder der Kamera und das ErzĂ€hlen und Berichten der Erlebnisse auf unseren MotorrĂ€dern. Wir sehen dabei gern zu und freuen uns sehr, dass wir mit so wenig Aufwand so viel Freude machen konnten.

Umso schwerer fĂ€llt uns der nĂ€chste Tag. Wir sind sehr traurig, dass wir Mehdi verlassen mĂŒssen. Er ist uns nun viele Tage nicht von der Seite gewichen und wir haben durch seine Hilfe viel gesehen und erlebt. Er hat uns unzĂ€hlige Male geholfen und unser Weg wurde damit viel leichter. Ich denke Anja und ich haben auch hier einen Freund gefunden und wir hoffen beide, dass wir ihn wiedersehen werden.

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