Der Blick ├╝ber Teheran

09.

07.

2017

China Tour | erz├Ąhlt von Michl

Wir stauen uns durch Teheran. Nicht genug damit, dass wir uns nicht durch den Verkehr schl├Ąngeln k├Ânnen, weil einfach kein Platz ist, wir werden auch alle 200 Meter aus Autos heraus angeschrien oder aufgehalten ÔÇô um uns Willkommen zu hei├čen.

Das Bl├Âde ist jetzt, wenn man aus Reflex antwortet. Dann hat man sofort ein Gespr├Ąch an der Backe. Woher, warum, ÔÇ×Welcome to IranÔÇť, und vielleicht noch ein paar Brocken Deutsch, die man dann loben sollte. Denn stolz sind sie darauf wie Bolle. Lange Rede, kurzer Sinn ÔÇô wir brauchen f├╝r die letzten 50 Kilometer zu unserem Couchsurfing fast zwei Stunden. Wir sind v├Âllig platt. 

Wir haben ├╝berall am K├Ârper runzlige Haut, weil wir die ganzen 50 Kilometer im eigenen Saft stehen. Zum Gl├╝ck finden wir die Adresse recht einfach und k├Ânnen uns in einer Garage erstmal ausruhen. Die Treppe in den ersten Stock schaffen wir in unserem Zustand noch nicht. Mehdi, den wir in Georgien kennen gelernt haben, ist total aus dem H├Ąuschen, dass wir tats├Ąchlich gekommen sind.

Wir hatten ihn vor einigen Wochen auf unserem Weg nach Stephanzminda getroffen. Er kam mit einem Reisebus mit einer ganzen Gruppe Iranern. Er hatte uns schon damals eingeladen und wir waren so frech das wirklich anzunehmen! Er hat f├╝r uns seine Bekannte Bahar als Gastgeberin rekrutiert. Sie hat ├╝ber 17 Jahre in Berlin und an der Nordsee gelebt und spricht einwandfrei Deutsch.

Anja und ich sind sehr froh mal wieder Deutsch reden zu k├Ânnen. Es f├Ąllt uns erst jetzt auf, dass wir bis auf kurze Telefonate seit Monaten kaum Deutsch reden konnten (also mit jemand anderem als uns untereinander). Seltsam, was man doch vermissen kann. Nachdem wir uns geduscht haben und wieder riechen und aussehen wie Menschen, setzten wir uns mit Mehdi und Bahar zusammen und erz├Ąhlen erst einmal.

Dann muss Bahar los zu einem Kammerkonzert und wir bleiben also mit Mehdi zur├╝ck. Nach einer Weile gehen wir dann mit ihm zum Essen, bei dem er uns wie alte Freunde einl├Ądt und wir dann noch zusammen einige Zeit durch den n├Ąchtlichen Trubel von Teheran fahren.

Am n├Ąchsten Tag machen wir das, wof├╝r wir hier sind. Wir fahren zur Botschaft von Turkmenistan und beantragen unser 5-Tage-Transit-Visa. Mehdi f├Ąhrt uns und wir haben Gl├╝ck damit, denn wir brauchen noch ein paar extra Kopien und die sind mit ihm sehr viel schneller organisiert als allein. Wir treffen auch noch drei Belgier, die ebenfalls in die Mongolei wollen. Die drei sind aber in Eile, denn sie haben nur vier Monate f├╝r den Hin- und R├╝ckweg. Es bleibt also bei einem kleinen Plausch, denn wir werden viel langsamer vorankommen.

Da wir uns bei der Botschaft auf ein Einreise- und Ausreisedatum festlegen m├╝ssen, rechnen wir kurz und kommen mit der ├╝ppigen Bearbeitungszeit auf den 20.Juli. Dann k├Ânnen wir einen Tag zuvor die Visa in Maschad bei der Turkmenischen Botschaft abholen, um schon an der Grenze nach Turkmenistan zu warten. Damit haben wir die vollen 5 Tage und somit easy Zeit durch das Diktatorland zu fahren, das offensichtlich keinen Wert auf Fremde bzw. Touristen legt.

Den Rest des Tages gammeln wir einfach vor uns hin. Mit so Sachen wie schlafen, Blog schreiben und Bilder einstellen. Dann kommt Bahar von der Arbeit und wir schlendern gemeinsam ├╝ber den nahen Bazar.

Dort sehe ich das erste Mal in meinem Leben S├Ąckeweise Safran. Es wird hier auch das Rote Gold genannt und mit Pinzetten und Goldwagen verkauft und abgewogen. Wir sind beeindruckt, wieviel dieses Gew├╝rz sogar hier kostet, wo es hergestellt wird. Die Werte in den Auslagen gehen in die Tausende an Euro. Wie gesagt, beeindruckend.

Es ist Zeit f├╝rs Abendessen und wir gehen in ein schickes Lokal auf einer Dachterrasse einer Mall. Von dort haben wir einen sehr sch├Ânen Ausblick und wir genie├čen die milde Nacht.

Am n├Ąchsten Tag war eigentlich geplant, dass wir alle zum Fr├╝hst├╝cken gehen, aber es ist Freitag und damit Wochenende im Iran. Mehdi und Bahar machen also das, was wir auch am Wochenende in Deutschland machen. Lange Schlafen und sich erholen. Immerhin gibt es hier nur den Freitag, die Arbeitswoche im Iran hat n├Ąmlich sechs Tage. Wir legen uns also auch noch mal in die Federn.

Als wir dann alle wach sind und gerade ├╝berlegen, was wir heute anstellen, kommt Bahars Schwester mit ihrem neuen BMW X3, welcher hier ein Verm├Âgen gekostet haben muss, vorbei. Ich stelle fest, dass dieses Auto keine Dellen oder Kratzer hat. Was hier auf unfassbares Gl├╝ck oder extrem fahrerisches K├Ânnen hinweist.

Sie l├Ądt uns kurzerhand ein und es geht zum Kirschen pfl├╝cken in den Garten, der au├čerhalb von Teheran liegt. Anja und ich sind gespannt. Wieder einmal k├Ânnen wir entspannt den Verkehr an uns vorbeiziehen lassen und m├╝ssen hier nicht selber fahren. Zudem haben wir w├Ąhrend der Fahrt Aircondition. Herrlich.

Wir erreichen den Garten nach einer guten Stunde Fahrt und stellen fest, dass wir in einer Art Villa angekommen sind. Sofort kommen hier die Angestellten aus allen Richtungen hervor, tragen uns die Sachen in die Villa und fangen an Kirschen zu pfl├╝cken, diese dann abzuwaschen und als Pyramide mit Eisw├╝rfeln darauf aufzubauen. Wir sitzen herum, trinken Saft und Wasser, knabbern N├╝sse und haben einen gro├čz├╝gigen Brunch, bei dem Anja und ich nicht einen Finger r├╝hren, sondern immer wieder von einem Sessel zum anderen gef├╝hrt werden, um dort zu relaxen. Der absolute Wahnsinn. Wir sind hier sicherlich an sehr reiche Leute geraten, aber alles ist so freundlich und nett.

Als die fast unertr├Ągliche Mittagshitze rum ist, bekommen wir den Tipp, dass hier in der Nachbarschaft ein ber├╝hmter Kunstprofessor einen einmaligen Skulptur-Garten geschaffen hat. Wir lassen uns nicht lange bitten und machen uns auf den kurzen Fu├čmarsch. Es ist tats├Ąchlich schwer bis unm├Âglich zu beschreiben, was wir hier alles sehen. Der Fotoapparat kommt gar nicht mehr zur Ruhe und ich muss an dieser Stelle im Blog als erstes auf die Bilder verweisen.

Die Skulpturen sind aus jedem nur erdenklichen Material gemacht. Vieles davon war M├╝ll, aber es sind bei Weitem nicht nur moderne oder abstrakte Kunstgegenst├Ąnde zu bewundern: Klassische Menschen- oder Tierfiguren, Zeichnungen, Gem├Ąlde, Schnitzereien und so weiter, und so weiter. Selbst eine H├Âhle, die den Besucher auf eine Zeitreise mitnimmt und die einen L├Âwenkopf als Eingang hat, wurde hier geschaffen.

Der K├╝nstler ist auch dort. Ein alter Mann um die 70 Jahre mit langem wei├čen Bart. Er sitzt entspannt auf einem Gartenstuhl und isst einen Apfel, w├Ąhrend er sich mit den Besuchern unterh├Ąlt. Das ganze Gel├Ąnde ist sein Lebenswerk und seine Inspirationsquelle. Mit immer mehr Kunstgegenst├Ąnden, die hier versammelt wurden, ist das nun nicht mehr eine Ausstellung, sondern eher eine Quelle f├╝r Kreativit├Ąt.

Wir verlassen tiefbeeindruckt diesen Ort und kehren in Gedanken versunken in den Garten zur├╝ck. Unsere Gastgeber haben in unserer Abwesenheit was zu essen besorgt, oder machen lassen, wir finden es nicht heraus. Es gibt Kebab mit So├čen und Brot, danach Kuchen und Fr├╝chte. Kurz: wir werden weiter gem├Ąstet. 

Dann stellen Bahar und Mehdi fest, dass sie nun losm├╝ssen, um eine Theaterauff├╝hrung zu sehen. Wir sind als erstes perplex, denn wir sollen kurzerhand mitkommen, w├╝rden dann ja aber eher weniger verstehen. Da kommt heraus, dass Anja und ich mit der Schwester von Bahar in ihre Wohnung fahren k├Ânnen und uns dort noch ein wenig unterhalten werden. So wie das aussah, war das auch schon alles geplant gewesen, aber uns hatte keiner eingeweiht.

Naja, wir machen es uns als im BMW X3 bequem und lassen uns durch die Stadt fahren. Es ist der Teufel auf den Stra├čen los. Wir brauchen fast 2 Stunden, um die Wohnung zu erreichen. Selbst f├╝r die Verh├Ąltnisse von Teheran ist das viel, stellt Bahars Schwester immer wieder fest. Wir fahren in eine Garage, die mit Marmor gefliest ist. Das scheint hier der absolute Minimal Standard zu sein. Dort sehe ich einen anderen BMW, der ein ganzes St├╝ck gr├Â├čer ist als der X3, aber der hat kein Kennzeichen. Wir bekommen heraus, dass dieses Auto, welches auch f├╝r den dreifachen Preis gekauft wurde, irgendetwas Amerikanisches drin hat und daher bekommt es seit 3 Jahren keine Zulassung. Naja, dann l├Ąsst man den halt mal rumstehen.

Dann kommen Anja und ich in eine Wohnung, in der es uns die Sprache verschl├Ągt. Wir bleiben wie angewurzelt in dem Empfangsraum stehen und blicken von dort wahlweise auf das 200 Quadratmeter gro├če Wohnzimmer, oder den Gang mit k├╝nstlichem Flusslauf entlang in die ├╝brige Wohnung. Alles sieht aus wie bei den Reichen und Ber├╝hmten. Wir sind wirklich gebannt und die Selbstverst├Ąndlichkeit, mit der hier dieser Luxus gelebt wird, sch├╝chtert uns wirklich ein.

Doch wir verlieren irgendwann die scheu und l├╝mmeln uns wie alle andern auf einer Auswahl von Sesseln herum. Dass wir mit den Klamotten vor kurzem noch im Garten auf dem Boden gesessen haben, interessiert hier niemanden.

Zu sp├Ąter Stunde wird noch was zum Abendessen bestellt und Bahar und Mehdi sto├čen wieder zu uns. Leider haben die beiden das Theater verpasst, weil der Stra├čenverkehr auch die beiden aufgehalten hat, aber wir nehmen als Entsch├Ądigung ein nettes Abendessen auf der Dachterrasse mit Blick auf das n├Ąchtliche Teheran ein. Das hat ja auch was.

Wir fahren sp├Ąt zu Bahar heim und legen uns ins Bett. Einen ganzen Tag haben wir im Luxus geschwelgt und das auch wirklich genossen. Das h├Ątten wir uns nicht tr├Ąumen lassen, als wir vor 68 Tagen aus Deutschland losgefahren sind.

Am n├Ąchsten Tag haben wir uns mit Shahen verabredet. Er ist ein Armenier, der im Iran lebt und der ein Mit-Biker-Freund von David ist, unserem Freund aus Jerewan. Wir haben uns in einem Park zum Fr├╝hst├╝ck verabredet und Shahen bringt seinen Sohn mit. Wir verbringen den ganzen Vormittag in dem Park. Zwar versuchen wir noch einmal neue Benzinfilter f├╝r die Motorr├Ąder zu organisieren, aber der Iran ist leider zu schwer von den Sanktionen gebeutelt ÔÇô wir m├╝ssen uns mit dem behelfen, was wir haben. Wird schon klappen. 

Shahen bringt und noch bis zu Bahars Wohnung zur├╝ck und da ruhen wir uns aus, und packen dann schon mal grob zusammen. Morgen geht es weiter Richtung Esfahan. Am Abend hat aber Bahar noch eine ├ťberraschung f├╝r uns. Wir fahren zu einem ber├╝hmten Berg in der Stadt. Hier sind hunderte Restaurants, die zum Teil wie die Schwalbennester am Berg kleben und ein enger Pfad windet sich dazwischen immer weiter nach oben. Wir klettern ├╝ber eine halbe Stunde den Berg hinauf und kehren dann in eines der Lokale ein. Das letzte Essen in Teheran und damit r├╝ckt auch schon die Verabschiedung immer n├Ąher.

Nach dem Fr├╝hst├╝ck packen Anja und ich alles zusammen und Mehdi holt uns ab. Wir folgen ihm durch den Verkehr, denn wir werden heute erst einen Teil des Weges nach Esfahan schaffen. Mehdi hat uns eingeladen, mit ihm in sein Heimatdorf zu fahren. Das sind aber auch schon mal nette 300 Kilometer.

Die Fahrt l├Ąuft ab, wie meistens auf iranischen Stra├čen. Uns wird zugewinkt und es existieren bestimmt schon einige Videos wie Anja und ich ├╝ber den gl├╝henden Asphalt fahren. Apropos, es wird tats├Ąchlich immer w├Ąrmer. Mittlerweile schaffen wir grad so eine Stunde fahrt dann m├╝ssen wir anhalten, trinken und uns mit ein wenig Wasser ├╝bergie├čen.

Aber erneut kommt uns die Freundlichkeit dieses Landes zu pass. Wir bekommen n├Ąmlich Eis geschenkt und lassen uns das schmecken. Mehdi ist ├╝ber den ganzen Rummel um uns sehr erfreut und gleichzeitig aufgeregt. St├Ąndig macht er Aufnahmen mit seinem Selfie-Stick, auch auf der Autobahn. W├Ąhrend der Fahrt. Als Fahrer. Naja, wir halten Abstand und es passiert auch nichts. Wir kommen am fr├╝hen Nachmittag in dem Haus von Mehdi an. Es ist ein winziges Dorf in der N├Ąhe von Zor. Wobei schon das mal richtig tief in der Pampa ist. Aber da es in einem Tal liegt ist es von der Hitze zu ertragen. Knapp ├╝ber 40┬░C ist f├╝r uns jetzt schon ganz ok, seltsam.

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