Wartezimmer Jerewan

02.

07.

2017

China Tour | erzÀhlt von Michl

Da wir jetzt einige Tage hier im Hostel in Jerewan verbringen werden, machen wir es uns gemĂŒtlich und lassen alles sehr ruhig angehen.

Wir unterhalten uns viel mit den MĂ€dels und Jungs von der Rezeption und Zara, die immer wieder Überraschungen parat hat. Eine davon ist, dass wir ein Spezial-FrĂŒhstĂŒck bekommen. Das hat aber den Grund, dass sie eine Fotografin eingeladen hat, die ein paar Promotion-Bilder machen soll. Wir dĂŒrfen dann einfach alles aufessen - natĂŒrlich schaffen wir das nicht mal zur HĂ€lfte. 

Wir sehen uns in Jerewan ein paar sehr schöne Museen an und besuchen Skulpturen- und KunstgĂ€rten. Ganz in der NĂ€he gibt es eine der Ă€ltesten Kirchen der Welt und Khadschadur, unser Rezeptionist, erbietet sich nach seiner Schicht uns als Guide zu fĂŒhren. Wir versuchen also die Wartezeit, so gut es geht, mit Kultur zu verbringen. Dazu bekommen wir nach sieben Tagen, am Montag, gesagt, dass wir noch bis Mittwoch warten mĂŒssen. Mittlerweile sind wir recht gut darin, die Leute vom VisabĂŒro „König Tours“ zu nerven, aber es bringt nichts in Sachen Geschwindigkeit. Das Zuckerfest, Feiertage im Iran und das Wochenende in Deutschland bilden eine unheilige Allianz und zwingen uns weiterhin zum Nichtstun. 

An einem Tag koche ich fĂŒr alle Leute im Hostel, um uns fĂŒr die viele Hilfe zu bedanken. Weil wir weiterhin die einzigen GĂ€ste sind, heißt das, Zara ihre Freundin und alle Leute von der Rezeption. Da uns schon nichts mehr einfĂ€llt, was wir noch ansehen könnten, gehen wir sogar ins Kino. Da Jerewan die grĂ¶ĂŸte Amerikanische Botschaft der Welt hat, ist in deren NĂ€he eine Mall, in welcher der Film zum GlĂŒck auf Englisch lĂ€uft.

Dann ist der Mittwoch da. Wir haben uns schlau gemacht, was wir alles benötigen, um nicht erneut warten zu mĂŒssen. In Vorbereitung haben wir also Kopien gemacht und die AntrĂ€ge ausgefĂŒllt. Aber wir mĂŒssen noch Geld fĂŒr das Visum zahlen und das geht nur an einer Bank aus dem Iran. Die hat Ă€hnlich schöne Öffnungszeiten wie das Konsulat.

Alles in allem haben wir nach Erhalt der Referenznummer aus Deutschland wegen der Zeitverschiebung genau zwei Stunden Zeit, um die Zahlung zu tĂ€tigen und in der Botschaft aufzutauchen. Wie die Sprinter sind unsere Schuhe geschnĂŒrt, das Taxi vorbereitet und dann kommt der Anruf mit der Referenznummer. Auf geht’s.

Es kommt, wie es sein muss. Lange Wartezeit in der Bank, lange Fahrt in die Botschaft und auch dort: wieder warten. Als wir schon fast am Ziel sind, bekommen wir aber noch einmal einen Schreck. Die Dame hinter dem Schalter will eine Reiseversicherung von uns. Es gibt ein Durcheinander, in welchem wir versuchen herauszubekommen, ob das eine Versicherung fĂŒr uns selbst, oder fĂŒr die MotorrĂ€der sein soll. Doch schließlich nimmt die Dame unsere PĂ€sse an und wir können sie am Freitag abholen. Wir sind glĂŒcklich.

Am nĂ€chsten Tag gehen wir in eine, wenn nicht „die“, Cognac-Fabrik in Jerewan. Da bezahle ich noch den zusĂ€tzlichen Betrag, um nach der FĂŒhrung bei der Verkostung die erleseneren JahrgĂ€nge und zusĂ€tzlich einen 30 Jahre alten Tropfen mit dem Namen Dvin zu kosten. Der soll sogar dem Herrn Churchill gut geschmeckt haben und ich weiß nach dem Kosten auch warum. Köstlich! Davon werde ich mir unter Garantie einen nach Deutschland schicken lassen, wenn wir zurĂŒck sind.

Auf dem RĂŒckweg von der Destille beobachten wir einen großen Brand, der einen Teil der Grasanlage in Jerewan verwĂŒstet. Drei Polizisten stehen sich auf der Anhöhe die Beine in den Bauch, wĂ€hrend sich das Feuer langsam auf dem HĂŒgel ausbreitet. Bis die Jungs auf die Idee kommen, die Feuerwehr zu holen, brennt schon der ganze Hang.

UnglĂ€ubig beobachten wir das Szenario und haben dabei die Gelegenheit einen der furchtlosesten FeuerwehrmĂ€nner zu sehen, den es gibt. Allein und mit einem Zweig mit grĂŒnen BlĂ€ttern bewaffnet, versucht er einen Brandherd nach dem anderen einfach auszuschlagen. Dass er dabei im trockenen Gras steht und zweimal, als Wind aufkommt, nur knapp Verbrennungen entgeht, schnallt er dann auch selbst. Warum sie nicht den kleinen Bachlauf, der den brennenden Hang von der Straße trennt, verwenden, ist uns schleierhaft!

Es ist Freitag. Und wir scharren schon mit den Hufen (schöne GrĂŒĂŸe an Frau Gulden ^^), bis die Botschaft endlich öffnet und wir tatsĂ€chlich erfolgreich die PĂ€sse abholen können. Wir sind dermaßen erleichtert, dass uns beiden fast eine TrĂ€ne die Wangen herunterlĂ€uft. Man war das ein Akt fĂŒr so einen lumpigen Aufkleber im Pass.

Als wir zurĂŒck im Hostel sind, machen wir uns startklar. Wir haben uns dazu entschlossen, die gĂŒnstigste Alternative nach Meghri zu nehmen und werden mit einem Bus dorthin fahren. Zara hat dazu alles organisiert und macht uns auch gleich noch BrotzeitpĂ€ckchen fertig. Dann gehen wir ausnahmsweise frĂŒh ins Bett, denn es wird morgen ein langer Tag.

Kurz nach Sonnenaufgang fĂ€hrt uns Zara zu der sogenannten Haltestelle, die sich als ein parkender Bus hinter einem Supermarkt irgendwo in Jerewan entpuppt. Das findet kein Mensch, der sich hier nicht auskennt. Im ersten Moment sieht es so aus, als wĂŒrden wir gar keinen Platz bekommen, aber zum GlĂŒck haben wir ja Zara dabei, die erst wegfĂ€hrt, als sie sich sicher ist, dass wir auf einem Sitzplatz in dem Sprinter platzgenommen haben.

Ich habe noch den Gedanken, dass wir beide hier ganz bequem sitzen, aber das sollte sich Ă€ndern. Der Transportbus der Marke Fiat wird jetzt als erstes voll besetzt. Dann werden alle Kinder, die jĂŒnger als 5 Jahre sind, auf dem Schoß des jeweilig zustĂ€ndigen Erwachsenen gesetzt. Wir haben einen Sitzplatz auf der letzten Bank. Es ist also wie frĂŒher: die Coolen sitzen im Bus ganz hinten.

Doch der Kofferraum ist bereits so voll, dass ich einen gewaltigen Satz nach vorn mache, als zwei MĂ€nner mit aller Kraft die HecktĂŒren zutreten und all das, was hinter mir verstaut ist, versucht meinen Sitz aus der Verankerung zu reißen. Klappt aber nicht. Die TĂŒr versucht sich daher nach allen anderen möglichen Seiten aus dem Staub zu machen und verformt sich ein wenig. Sie hĂ€lt zu guter Letzt nur eher mĂ€ĂŸig im Schloss, aber die Herren sind zufrieden, dass nichts mehr herausfallen kann.

Nun wird jeder Quadratzentimeter im Inneren des Busses, besonders der Mittelgang, gefĂŒllt. Der Flachbildschirm der Marke Samsung passt dabei noch am besten dorthin, denn der ist 
 flach. Die Pakete, SĂ€cke mit FrĂŒchten und Zwiebeln nehmen zum GlĂŒck weiter vorne dem Herrn an der TĂŒr den Fußraum weg und nicht mir. Kurz bevor die SeitentĂŒr geschlossen wird, zahlen wir alle brav dem Fahrer unser Geld fĂŒr die Passage und schon geht es mit einer Stunde VerspĂ€tung los. Ich bin beeindruckt, denn aus Indonesien weiß ich, dass solche als Busfahrt getarnten Materialtransporte, auch mal drei bis vier Stunden verspĂ€tet anrollen.

Ich bin entspannt, als es losgeht. Immerhin sind wir auf dem Weg zu unseren MotorrÀdern, die wir zwei Wochen nicht gesehen haben. Auch wenn uns noch mehrere Stunden von ihnen trennen. Die Zeit sollte sich aber noch weiter ausdehnen. Hatte ich noch bei der Abfahrt den Gedanken, dass wir echt gut beladen sind, sollten wir alle im Bus feststellen, dass immer noch ein wenig mehr geht.

In den ersten 50 Kilometern halten wir mehr als siebenmal an und nehmen immer weiteres GepÀck und sogar noch zwei weitere Personen auf. Ich kann von meinem Sitzplatz nicht erkennen, wo diese Leute hingesetzt werden, da mir das GepÀck die Sicht versperrt, aber ich konnte sehen, dass sie eingestiegen sind und dann nicht wieder den Bus verlassen haben.

Bei dem sechsten Stopp werden wir mit dem Bus von der Autobahn abgedrĂ€ngt und es findet ein echt wilder Streit zwischen dem Fahrer und einer renitenten alten Frau, die ich spontan grantige Erna taufe, statt. Offensichtlich möchte sie weiteres Ladegut in dem Bus verstauen, doch selbst der Fahrer sieht ein, dass echt Schluss ist. Doch die grantige Erna reißt einfach die SeitentĂŒr auf und fĂ€ngt an SĂ€cke in den Bus zu stapeln.

„Was fĂŒr ein GlĂŒck, dass ich nicht am Eingang sitze“, denke ich bei mir. Normalerweise ist das mein Lieblingsplatz, denn da kann man am schnellsten den Bus verlassen, wenn man mal muss. Heute war das Schicksal aber anderer Meinung. WĂ€re ich der Typ, dem dort vorn einfach ungefragt Kisten auf den Schoß gelegt werden, wĂŒrden eben diese in hohem Bogen den Bus wieder verlassen.

Anhand der Reaktion aller anderen Reiseteilnehmer kann man erkennen, dass dies auch keinesfalls ĂŒblich ist. Jeder ist dabei sich zu beschweren. Der Fahrer winkt irgendwann ab, nimmt Geld an und Erna schmeißt die TĂŒr wieder zu. Jetzt bin ich sicher, dass ich alles aus dem Bus geschmissen hĂ€tte. Der arme Typ ist fast völlig begraben. Weiter geht die Fahrt. Wir haben ja auch nur noch acht Stunden vor uns.

Da ich nicht weiß, wie der Fahrer heißt, nenne ich ihn den „Rauchenden Raser“. Mit diesem völlig ĂŒberladenen Bus, in dem unter anderem auch Menschen zwischen der Ladung hervorschauen, brettert der Typ die Piste entlang, dass es nur so knallt. Das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes. Die StoßdĂ€mpfer und Federn hĂ€tten normalerweise auf dieser Straße alle HĂ€nde voll zu tun. Da wir aber weit ĂŒber der Zuladungsgrenze sind, ist an eine Federung nicht mehr zu denken, bis auf das bisschen Luft in den Reifen. Mehr als einmal kacheln wir so schnell ĂŒber Stufen oder HĂŒgelkuppen, dass alles in dem Bus vom Boden abhebt und man dieses GefĂŒhl wie in der Achterbahn hat. Jedenfalls bis zur Landung. Wir scheppern krachend und mit 100 Sachen auf Meghri zu. Der Rauchende Raser muss zweimal anhalten um zu tanken, denn die SchĂŒssel fĂ€hrt mit Gas. Und um sich Kippen zu kaufen. Der Mann raucht praktisch immer. Ja, auch an der Gastankstelle.

Erst kurz vor Meghri wird angefangen Ladung zu teilen und Personen abzusetzen. Unsere Fahrt endet nach neun Stunden. Unsere Hintern sind taub, doch dank des Essenspakets von Zara sind wir wenigstens nicht hungrig oder durstig. Wir wandern also durch die kleine Stadt zu unserem Bed and Breakfast, wo uns Marta ĂŒberschwĂ€nglich begrĂŒĂŸt. Wir duschen einfach nur und hauen uns in die HĂ€ngematten, um uns ein wenig zu erholen, obwohl es erst Nachmittag ist.

Zum Abendessen haben wir erneut nette Gesellschaft. Drei MĂ€nner aus Tschechien sind ebenfalls hier und sammeln Schmetterlinge im Auftrag der UniversitĂ€t von Jerewan. Einer von den Ă€lteren Herren ist Professor aus Prag und schon das sechste Mal hier, um die umfangreiche Insektenwelt von Armenien zu katalogisieren. Die Herren sind alle sehr aufgeschlossen und trinkfest. Wir kippen ein paar SchnĂ€pse und als wir uns mit Schreiben und Telefonieren den Abend abrunden, traben die drei noch einmal zu einer nĂ€chtlichen Pirsch los. Recht zerschunden und mit wenig Erflog schleppen sich die drei kurz nach Mitternacht zurĂŒck. Wir gehen auch um diese Zeit schlafen. Morgen geht es endlich in den Iran.

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