Das Haus, das VerrĂĽckte macht

21.

06.

2017

China Tour | erzählt von Anja

Neuer Tag, neues Glück, neues Land! Wir brechen auf in den Iran. Wir sind ein bisschen aufgeregt: Wir hatten eine tolle Zeit in Armenien, haben Freundschaften geschlossen und festgestellt, bisher ist noch alles beim Alten, selbst 7000 km von zu Hause entfernt. Aber über den Iran haben wir so unterschiedliche Geschichten gehört: von „Es ist wunderschön und alle sind freundlich“ bis „seid ihr wahnsinnig, allein der Verkehr wird euch umbringen“ … Jetzt sind wir gespannt, wie es wirklich wird.

Wir fahren in den armenischen Grenzposten und holen uns unseren ersten Stempel für die Ausreise. Es ist ein bisschen verwirrend, weil wir nicht genau wissen, wo wir hinmüssen. Unsere Papiere für die Motorräder werden von einem Beamten eingezogen, den Pass bekommen wir aber wieder und sie sagen: „Bye bye“, geben uns aber keinen Stempel. Dafür müssen wir noch in eine andere Kontrolle, na ja – alles ist in nur 15 Minuten erledigt und wir fahren voller Aufregung die circa 500 Meter bis zum iranischen Grenzposten.

Unser Kontakt in Täbris erwartet uns schon und hat uns versichert, wir können das Visum einfach bei der Einreise erhalten. Das ist eine Besonderheit und derzeit nur an der armenischen oder türkischen Grenze möglich. Da ich immer ein wenig aufgeregt bin, habe ich extra noch mal im Internet recherchiert, ob das auch stimmt – und es scheint auch zu stimmen! Am liebsten hätte ich natürlich die Visa schon zu Hause für uns vorbereitet, aber das hat im Vorbereitungsstress in der Woche vor unserer Abreise nicht mehr geklappt und da das Visum nach nur drei Monaten (im Juli) schon abgelaufen wäre, wollten wir uns nicht einschränken lassen, wenn es an der Grenze doch ganz einfach geht.

Wie auch immer, jetzt werden wir das ja sehen! Wir fahren also auf die Beamten an der Grenze zu. Ich trage natürlich ein Kopftuch – wo bei ich in Anbetracht der riesigen Maschine unter mir wahrscheinlich genau so gut nackt ankommen könnte…

Wir sind richtig erleichtert, als wir dem Beamten gegenüberstehen, er unsere Pässe inspiziert und grinsend verkündet „Welcome to Iran“ – doch als wir ihn nach dem Visa-on-arrival fragen, vergeht ihm das Lächeln. Er ist sichtlich betroffen, als er uns erklärt, dass sich die Einreisebestimmungen vor ein paar Wochen geändert haben und er uns kein Visum ausstellen kann. Wir müssen eines in der Botschaft in Yerevan beantragen!

Uns ist der Schrecken deutlich anzusehen. Ich wusste nicht, ob ich in Tränen ausbrechen sollte, oder lieber über den Tresen springen, um den Beamten zu würgen. Doch es gilt einen kühlen Kopf zu bewahren – welche Möglichkeiten gibt es?

Zunächst versuchen wir die Beamten zu überreden, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt. Doch offensichtlich ist es überhaupt nicht möglich, wir versuchen es nicht einmal mit einem Bestechungsgeld – obwohl wir mittlerweile zu allem fähig wären…

Unsere nächste Hoffnung ist unser Kontakt in Täbris. Wir geben den Beamten die Nummer, ob wir ihn anrufen können. Sie telefonieren eine Weile und kommen dann wieder zu uns mit der Aussage: Das war wohl ein Missverständnis, euer Freund wusste nicht, dass ihr kein Visum bekommt. Na toll …

Wir gehen wieder zu unseren Motorrädern und drücken uns noch ein Weilchen herum. Offensichtlich sind wir so mitleiderregend, dass die Beamten noch einmal zu uns kommen und uns helfen wollen. Doch sie erklären uns lediglich, dass wir entweder in Yerevan in die Botschaft gehen, oder mit dem Flugzeug einreisen – denn am Flughafen kann man das Visum sehr wohl einfach kaufen. Doch leider ist das keine Option für uns!

Also heiĂźt es wieder aufsteigen und zurĂĽck nach Yerevan. Aber zuerst mĂĽssen wir wieder nach Armenien einreisen. SchlieĂźlich haben wir die Grenze ja bereits ĂĽberschritten. Was bei der georgisch-armenischen Grenze etwa 20 Minuten gedauert hat, und hier an der Grenze grad noch so schnell ging, sollte sich jedoch nun zu einer wahren Geduldsprobe herausstellen.

Obwohl wir nur 20 Minuten zuvor an genau den selben Personen vorbeigekommen sind, sie uns auch alle sofort wieder erkennen und uns fragen, warum wir denn schon wieder da sind, inspizieren sie unsere Pässe genau so sorgfältig wie schon zuvor.

Dann geht es zu einem Spießrutenlauf mit mehreren Stationen, bei denen die eine nicht weiß, was die andere macht und uns niemand genau sagen kann, wo wir hinmüssen. Einer schickt uns zum nächsten, der uns wieder zurück und so weiter. Kaum jemand spricht Englisch oder erklärt uns, was wir machen sollen und jeder, der uns begegnet, will unseren Pass sehen.

Mit Hilfe eines Einheimischen, der als Übersetzer einspringt - bevor Michl jemanden an die Gurgel geht, weil alle auf Russisch und Armenisch auf ihn einreden - begreifen wir, dass wir erst einmal bezahlen müssen. 10 Dollar pro Motorrad – sagt das doch gleich!

Da wir vor der Ausreise jedoch versuchen auf den Cent genau alles Geld auszugeben, um keine Währungsleichen durch die vielen Länder zu schleppen, haben wir kaum noch etwas im Geldbeutel. Wir kratzen unsere letzten Reserven zusammen und haben oh Wunder noch 20 Dollar in Armenischen Dram. Glücklich überreichen wir dem Bankier unser Vermögen. Doch er tippt wild auf dem Taschenrechner 200 Dram fehlen. Das sind etwa 40 Cent! Wir rollen die Augen, doch er will uns seinen Zettel nicht geben, bevor wir nicht die letzten 40 Cent herausrücken. Murrend schleicht Michl zum Geldautomaten, doch wieder ist unser netter Dolmetscher zur Stelle und spendiert uns die 200 Dram.

Geschafft ist unser Leidensweg jedoch noch nicht. Mit der Quittung können wir nun die Motorräder anmelden. Der Herr hinter dem nächsten Tresen tippt mit dem bewährten Zwei-Finger-Such-System gemächlich alle Daten aus unseren Fahrzeugpapieren in seinen Computer. Wir können auf dem Schreibtisch seines Kollegen, der keine zwei Meter entfernt sitzt, unsere Dokumente von der Ausreise sehen, auf dem genau diese Daten erfasst waren, doch der Beamte lässt sich nicht beirren und tippt alles noch einmal neu ein. Einige Daten findet er auch nicht auf dem Schein – zum Beispiel die Kennzeichen oder die Marke … Da helfen wir natürlich gerne weiter. Und er braucht auch noch ein paar zusätzliche Angaben wie das Gewicht – warum auch immer …

Als das schließlich klappt, bekommen auch wir nach einigem Hin und Her unseren Stempel in den Pass. Dann müssen wir noch einmal durch das ganze Gebäude mehrfach unseren Pass zeigen, um auf der anderen Seite unsere Mopeds abzuholen, die brav auf der anderen Seite der Grenze auf uns gewartet haben. Nach geschlagenen zweieinhalb Stunden sind wir also wieder in Armenien.

Was nun? Es ist halb drei am Nachmittag und hat zu unserer Freude auch endlich mal 35Grad. Der Weg nach Yerevan ist knapp 400 Kilometer. Unter normalen Umständen schon ein harter Ritt, aber auf diesen schäbigsten Straßen durch die Berge, das ist keine Umgebung, bei der man von der Nacht überrascht werden möchte.

Wir entschließen also, bis zum nächsten Tag zu warten und mit dem Bus zu fahren, was uns wieder viel Zeit kostet, doch erneut ist der hilfsbereite Dolmetscher zur Stelle. Sein Name ist Artur und er ist Taxifahrer. Die Fahrt kostet zwar 60 Dollar, aber wir können sofort losfahren. Nach einer knappen Diskussion, ob er uns nur übers Ohr hauen will, kommen wir zu dem Schluss, dass das die beste Lösung ist.

Es geht erst einmal zurück zu unserer Unterkunft, wo wir die Motorräder bei Marta deponieren und die wichtigsten Dinge in unseren Rucksack packen. Nur mit den Dokumenten, einer langen und einer kurzen Garnitur Kleidung und den Waschbeuteln geht es los (wer hätte gedacht, dass wir unser ohnehin reduziertes Gepäck soweit herunter brechen können?).

Die Fahrt dauert geschlagene neun Stunden. Zum Glück haben wir gar nicht erst versucht, das auf einen Rutsch mit den Motorrädern zu fahren. Im Auto können wir schlafen und Artur ist ein sicherer Fahrer und unterhält uns auf dem Weg. Es ist Mitternacht, als wir endlich die Lichter der Hauptstadt erblicken. Artur leiht mir sein Handy und Michl ruft unseren Freund David an. Er sucht eine Unterkunft für uns und wir müssen uns um nichts kümmern. Wir werden sogar noch mit Tee und Kuchen erwartet.

Das Hostel ist gerade erst eröffnet worden, wir sind tatsächlich die ersten und bisher einzigen Gäste. Alles ist brandneu, sauber und top modern. Wir fühlen uns sofort wohl und sitzen noch bis zwei Uhr morgens mit der Besitzerin Sara und den Mädels von der Rezeption zusammen (wir konnten im Auto ja ausschlafen).

Gleich am nächsten Morgen geht es zur Botschaft. Sara hat, während wir beim Frühstück saßen, schon angerufen, ob geöffnet ist und uns ein Taxi kommen lassen. Doch als wir die Botschaft erreichen, schicken sie uns gleich wieder weg – geöffnet ist zwar, jedoch werden Visa-Angelegenheiten erst ab 14 Uhr bearbeitet.

Seufzend trollen wir uns wieder und schlagen die Zeit mit spazieren und Kaffeetrinken tot. Als es schlieĂźlich so weit ist, ziehen wir unsere Nummer in der Botschaft und warten (wieder!), bis wir an der Reihe sind. Nur um zu erfahren, das wir ohne Referenznummer vom AuĂźenministerium des Iran gar nicht kommen brauchen. Eine solche Nummer bekommen wir durch ein ReisebĂĽro - innerhalb von zehn Tagen.

Phuu! Zehn Tage warten? Das muss doch schneller gehen. Nach einiger Recherche finden wir über ein deutsches Unternehmen (über das wir bereits unser Russisches Visum organisiert haben) die ersehnte „Express“ Option. Ausstellung innerhalb von nur einem Tag! Gesagt, getan buche ich auch sofort. Tippe alle Daten ein, lade Passbild, Kopien der Pässe und, und, und hoch und lege mich zufrieden ins Bett. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus!

Das tut sie wirklich! Denn zum Frühstück erwartet uns die Stornierung von unserer Bestellung per E-Mail… Aus technischen Gründen kann die Referenznummer nicht für uns ausgestellt werden. Was zum Teufel... Ruhe bewahren. Ich warte, bis es auch in Deutschland neun Uhr geworden ist, das Reisebüro öffnet und rufe sofort an. Dort erklären sie mir, dass wir die Nummer nicht so schnell bekommen können, wenn wir das Visum in Yerevan ausstellen möchten. Da wir uns ja aber nicht nach Deutschland beamen können, gibt es nur die Option zehn Tage zu warten oder mit Express fünf Tage zu warten, natürlich zum doppelten Preis.

Nachdem wir diese Info auch bei mehreren Armenischen Reisebüros und auch einem Iranischen Büro verifiziert haben, alle Freunde, Bekannten und die Bekannten der Freunde, die vielleicht schon einmal eine Person aus dem Iran gesehen haben, abgeklappert haben – sehen wir ein, dass es keine Möglichkeit gibt, das Ganze zu beschleunigen.

Es ist rührend, wie alle Angestellten im Hostel uns helfen, herumtelefonieren und online recherchieren, wie sie uns noch helfen können. Doch es ist nichts zu machen. Wir müssen warten. Zumindest sind wir wohl behütet während wir auf Passierschein A38 warten.

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