Auf „Bad Road“ in den Garten Eden

18.

06.

2017

China Tour | erzÀhlt von Michl

Nach einem ausgiebigen FrĂŒhstĂŒck mit Ruben und David brechen wir zur nĂ€chsten Etappe auf. Die beiden warnen uns auch vor den Polizisten und erklĂ€ren uns endlich, was es hier damit auf sich hat. Die Jungs verdienen so wenig Geld, dass es praktisch nötig ist andere Leute abzuziehen.

Das ist hier auch jedem bekannt – zum Teil kann man damit höheren Strafen entgehen, wenn man etwas falsch gemacht hat, zum Teil wird man aber auch einfach ĂŒbers Ohr gehauen, wenn man nicht aufpasst. Mit der Warnung von Ruben und David in den Ohren fahren wir nach einem schweren Abschied los. David eskortiert uns noch durch die Stadt und dann sind wir auf dem Weg nach Tatev, zur lĂ€ngsten Seilbahn der Welt. Doch wir kommen keine 20km weit.

Als wir kurz hinter der Stadt sind, kommt uns ein Polizeiauto entgegen, sieht uns, dreht, schaltet das Blaulicht ein und stoppt uns. Völlig klar, was jetzt passiert. Wir hatten zum GlĂŒck in der 20er Begrenzung abgebremst, und wissen, dass er nichts gegen uns in der Hand hat. Hier sollte wieder Geld gemacht werden. Ich habe 1.000 Dram in meiner Geldbörse. Das sind nach dem derzeitigen Kurs 2 Euro. Der Rest ist sicher in meiner Tasche.

Wir steigen ab und bringen das Vorspiel hinter uns. PĂ€sse und Versicherung sind in Ordnung. Da ist also schon mal nichts zu holen. Dann gibt mir der Wicht zu verstehen, dass ich 60 gefahren bin, wo 20 erlaubt ist und er möchte 5.000 Dram von mir haben. Ich grinse und rede ab jetzt nur noch Deutsch. Er waffelt mich ja auch auf Armenisch an und ich verstehe kein Wort. Er hĂ€lt aber einfach nur frech die Hand auf und sagt immer nur „5.000“.

Ich hole die 1.000 Dram raus, doch die will er nicht – 5.000! So so, wĂ€hlerisch ist er also beim Ausrauben auch noch. Ich schiebe den Schein wieder zurĂŒck. Das Spiel machen wir zwei HĂŒbschen eine Weile und dann wird es ihm zu bunt und er lĂ€sst uns fahren. „Geht doch“, denke ich bei mir und dann fahren wir endlich weiter.

Ruben und David haben uns vorgewarnt, die Strecke nach Tatev soll selbst fĂŒr Armenische VerhĂ€ltnisse schlecht sein, und die beiden haben Recht. Alter Schwede - ist das eine Tortur. Wir fahren zwar durch eine wunderschöne Landschaft, aber viel öfter als in die Ferne mĂŒssen wir den Blick auf die Straße vor uns richten. Wir reiten im Schweinsgalopp die 250 Kilometer und sind ĂŒberglĂŒcklich, als wir auf den letzten Metern richtige Straße vorfinden.

Kurz nach dem wir unseren Bungalow erreichen, fĂ€ngt es mal wieder an zu regnen. Wir laden ab, richten uns ein und schaffen es mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen was zu essen zu bestellen. Die Aussicht von unserer Terrasse ist der Wahnsinn. Wir blicken in das riesige Tal und auf der anderen Seite können wir das Kloster sehen, das mit der Seilbahn zu erreichen ist. Doch wir sind völlig erschlagen von der Fahrt und nach einer heißen Dusche legen wir uns aufs Ohr. Morgen werden wir mit der Seilbahn zum Kloster fahren.

Da haben wir aber die Rechnung ohne unseren Petrus gemacht. Als wir aufwachen sind das Tal, das Kloster und auch fast unsere MotorrĂ€der, die nur 20 Meter vor unserer TĂŒr stehen, weg. Es hat Nebel und das nicht zu knapp. Das versaut uns jetzt doch die Laune. Wir entscheiden, bis mittags zu warten, doch es tut sich wenig. Die Sonne kommt nur sehr zögerlich durch die Wolken und es sieht an den beiden Enden des Tals dann auch schon wieder nach Regen aus. Wir trösten uns damit, dass wir beschlossen hatten, sowieso noch einmal nach Armenien zu kommen. Dann sehen wir uns das halt spĂ€ter an.

Wir packen also und machen uns auf den Weg nach Meghri. Dieser Ort ist sehr dicht an der Grenze zum Iran. Die letzten Tage des Ramadans laufen gerade und wir wĂŒrden gern das Zuckerfest in Tabriz erleben. Um die Soldaten in einer relativ guten Laune zu erwischen, haben wir geplant, am Morgen die Grenze zu passieren und dazu mĂŒssen wir relativ nah heranfahren. Meghri ist dafĂŒr perfekt geeignet und wir haben auch schon einen guten Tipp fĂŒr ein Bed-and-Breakfast bekommen.

Doch die Straße wird immer schlechter. Wir kommen einen großen Teil der 260 Kilometer nur mit 50 – 60 km/h voran. Dazu haben wir zwei PĂ€sse zu ĂŒberwinden und große Laster, die sich vor uns im Schneckentempo den Berg hinunter- oder hinaufquĂ€len, machen das Fahren nicht schneller oder leichter. Wir werden regelmĂ€ĂŸig von dicken schwarzen Abgaswolken eingenebelt. Zwar nutzen wir jede sich bietende Gelegenheit um auf Armenisch zu ĂŒberholen (soll heißen: wir haben auch die ein oder andere knappe Aktion dabei), doch der Weg scheint ewig zu dauert.

Nach fast sechs Stunden haben wir die 260 Kilometerstrecke bewĂ€ltigt und kommen verdreckt und nass geschwitzt an unserer Unterkunft an. Zum GlĂŒck hat es nicht geregnet. Das hĂ€tte uns noch viel mehr Zeit gekostet. Unsere Gastgeberin heißt Marta und ist eine quirlige Rentnerin, die sich gleichzeitig um ihre Familie und mehrere GĂ€ste kĂŒmmert. Sie hat einen großen Garten mit allen möglichen FrĂŒchten und ObstbĂ€umen. GranatĂ€pfel, Feigen, Kirschen, Kiwis usw. Wir sitzen im Schatten und fĂŒhlen uns wie im Garten Eden. Wir bekommen Tee und GebĂ€ck, ein nettes Zimmer und Anja kann sogar ihr ausgelesenes Buch gegen ein Neues eintauschen. Einige GĂ€ste haben ihren Lesestoff hiergelassen und dort findet sich auch ein Krimi fĂŒr sie.

Beim Abendessen, das Marta natĂŒrlich selbst zubereitet, treffen wir eine Frau, die freiwillige Hilfe leistet. Sie kommt aus den Niederlanden, ist Rentnerin und hat in der Pharmazie gearbeitet. Wir erfahren viel ĂŒber das Programm, dass sie hierhergebracht hat und fragen uns, ob es so etwas auch in Deutschland gibt. Doch sehr spĂ€t wird der Abend nicht. Wir trinken ein paar von Martas selbstgemachtem Obstbrand und Wein, den Michael am Vorabend dagelassen hat. Den lassen wir uns schmecken und wanken dann ins Bett. Ab morgen werden wir erstmal fĂŒr lĂ€ngere Zeit keinen Alkohol mehr sehen und dieser Abschied scheint uns angemessen. Mit dem Gedanken an die WĂŒste und Orientalische StĂ€dte schlafen wir selig ein und freuen uns auf morgen.

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