Dinge, die einfach passieren

14.

06.

2017

China Tour | erzÀhlt von Michl

Wir machen uns bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg und fahren aus dem Stadtverkehr von Tiblisi in den kleinen Kaukasus. Der wird uns bis in den Iran begleiten.

Die freundschaftlichen VerhĂ€ltnisse von Georgien und Armenien sorgen fĂŒr eine schnelle Abfertigung an den Passkontrollen, aber wir mĂŒssen irgendeine Genehmigung fĂŒr die MotorĂ€der besorgen. Ein netter Herr hinter einer Glasscheibe in einem klimatisierten GebĂ€ude macht das in einer Seelenruhe, dass wir fast beim Zusehen einschlafen. Er weist uns auch auf die Versicherung hin, doch wir wollen mal schauen, ob das auch ohne geht.

Als wir zu den MotorrĂ€dern zurĂŒckkommen, gesellen sich zwei Biker hinzu, die auch gerade ĂŒber die Grenze kommen. David und Ruben. Die beiden haben RennmotorrĂ€der und sind neidisch auf unsere StoßdĂ€mpfer. Denn nach ihrer Aussage sind die Straßen in Armenien viel schlechter als in Georgien. Ich denke mir sowas wie: „unwahrscheinlich“, doch ich sollte mich irren. Dazu kommt, dass die beiden hier zu treffen ein GlĂŒcksfall ist, den weder Anja noch ich zu diesem Zeitpunkt auch nur erahnen können.

Die beiden können sehr gut Englisch und bei dem ĂŒblichen „Wo kommt ihr her und was macht ihr so“-Plausch erfahren wir, dass sie heute noch nach Yerewan fahren und nebenbei hilft mir David noch dem Zollbeamten zu erklĂ€ren, dass ich nur schnell zu dem Geldautomaten hinter dem anderen Schalter möchte und nicht ĂŒber die Grenze rennen will. Ich gebe an dieser Stelle offen zu, dass mich die AKs47 nervös gemacht haben und das die Jungs nicht so ausgesehen haben, als wĂŒrden die viel Spaß verstehen.

Wir tauschen schnell die Telefonnummern mit David aus und dann dĂŒsen die beiden Armenier davon. Wir haben an der Grenze einige Leute gesehen, welche uns eine Versicherung fĂŒr die MotorrĂ€der andrehen wollten. Wir haben aber alle ausgetrickst und fahren mit dem GefĂŒhl von der Grenze weg, nicht ĂŒber den Tisch gezogen worden zu sein.

Knapp 20 Kilometer nach der Grenze fahren wir in die armenischen Berge und David und Ruben hatten tatsĂ€chlich Recht: alter Schwede - sind das kaputte Straßen. Wenn es hier keinen Asphalt geben wĂŒrde, wĂ€re es fair. Dann sieht man, dass die Straße schlecht ist und fĂ€hrt entsprechend, aber so wird bei jedem Meter die Hoffnung geweckt, dass es vielleicht gleich besser wird. Jedoch ĂŒberraschen uns immer wieder tiefe gebirgsĂ€hnliche Canyons in der Straße.

WĂ€hrend wir also krĂ€ftig durchgeschĂŒttelt werden, stelle ich an einem Anstieg, der uns einen Berg hinauf fĂŒhrt, fest, dass die Twin schon wieder langsamer wird. WĂ€hrend sich noch der „Och nee“-Satz plus ein paar vielfarbiger FlĂŒche in meinem Kopf formen, muss ich an den Straßenrand fahren und die Maschine abstellen. Offensichtlich war es also nicht das AnsatzstĂŒck vom Vakuumanschluss. Wenn es blöd lĂ€uft, ist es tatsĂ€chlich die Membran der Benzinpumpe, wie von Michael in Tiblisi prophezeit. Dann stehen wir hier mal echt mies da.

Mitten in der Pampa, und zwischen Ziegen, hoffe ich beim Absteigen einfach, dass der Trick mit dem Umschalten auf die Reserve wieder hinhaut. Es klappt tatsĂ€chlich. Wir steuern die nĂ€chste Tankstelle an und machen voll. Solange das Benzin-Level im Tank höher als die Zylinder-Enden ist, lĂ€uft die Maschine praktisch auch ohne die Pumpe. Trotz der ĂŒberwiegend schlechten Piste kommen wir in dem Bed and Breakfast in Dilijan, ohne weitere ZwischenfĂ€lle, gut an.

Wir haben einen schönen Abend, an dem wir mit sehr schlechtem Russisch Essen bestellen, dass wir nicht kennen. Doch als alles auf den Tisch kommt, stellen wir fest, das hÀtte schlimmer kommen können. Da wir auf einer Art Bauernhof sind und die Fahrt nicht so einfach war, machen wir nicht viel, sondern gehen schlafen. In der Nacht fÀngt es prompt zu regnen an - diesmal haben wir also Schwein gehabt.

Leider ist das Bett so alt, dass man auf den Metall-Bettfedern aufliegt. Die Tiere um das Haus herum haben außerdem ihren eigenen Schlafrhythmus. Mein Ärger ĂŒber Pferde wird völlig von meinem Zorn auf Gockel verdrĂ€ngt, die offensichtlich immer KrĂ€hen, auch wenn kein Tagesanbruch in Sicht ist. Ab jetzt nur noch „Chicken“.

Als wir aufwachen, schreibe ich Michael an und wir machen ein Treffen fĂŒr diesen Tag in Jerewan aus. Ich möchte dringend die Ersatzpumpe in den HĂ€nden haben, denn es macht mich sehr nervös mit einer mehr oder weniger kaputten Benzinpumpe zu fahren. Dazu kommt, dass David sich via Telegram meldet und uns einen Tipp fĂŒr ein erstklassiges Hotel gibt, wo er uns einen Sonderpreis aushandelt.

Die Strecke ist nicht so lang. Die knapp 129 Kilometer sind schnell gefahren und wir verabreden uns mit Michael um 14:00 Uhr. Die erste Überraschung des Tages erwartet uns, als wir gepackt haben und losfahren möchten. Unsere Gastgeber sehen uns mit langen Gesichtern zu und fragen uns, ob wir denn kein FrĂŒhstĂŒck möchten. Wir haben doch dafĂŒr bezahlt. Wir versuchen die Leute freundlich abzuwimmeln, doch schließlich geben wir uns geschlagen und lassen uns zu einer Tasse Tee ĂŒberreden.

Dann hat der Gastvater einen Trick parat, den wir nicht erwartet haben. Er dreht sich einmal um die eigene Achse und hat ein voll beladenes Tablett mit FrĂŒhstĂŒck in der Hand. Das sah im ersten Moment aus wie ein Zaubertrick. Wir hatten nicht den Hauch einer Chance, ihm zu sagen, dass wir nur eine Kleinigkeit möchten. Wir haben also ein sehr ausgiebiges Mahl und fahren dann los Richtung Sevan See, welcher auch die Perle von Armenien genannt wird und auf knapp 1900 Metern Höhe liegt. Doch bis dahin wird es ein lĂ€ngerer Weg als gedacht.

Wir verlassen Dilijan und auf einmal ist eines der vielen Polizei-Fahrzeuge hinter uns und hÀlt uns an. Schnell kommt heraus: wir waren zu schnell. Der kleine Polizist zeigt uns ein Foto, auf dem Anja 96km/h im Ort fÀhrt. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, sie hat sich dabei dem Verkehrsfluss angepasst.

Dann möchte der Herr unsere Kfz-Versicherung sehen und wir zĂŒcken unsere GrĂŒne Karte, aber da haben wir uns geschnitten. Er lĂ€sst sich nicht zu irgendwas bewegen und wiederholt öfter das Wort „Strafe“. Ich denke mir zwar noch im ersten Moment: „sollen wir jetzt etwa nochmal ĂŒber „Los“ gehen?“, doch dann greift er sich ein StĂŒck Papier und gibt uns zu verstehen, dass wir 200 Dollar abdrĂŒcken sollen. Da sind Anja und ich im ersten Moment wirklich sprachlos. Das ist praktisch ein Monatsgehalt hier. Dazu kommt, dass wir zwar Touristen sind, aber der gute Mensch hier offensichtlich der Ansicht ist, wir finden unser Geld irgendwo.

Aber ich kenne mich hier mit den Strafen nicht aus und will schon den Geldbeutel zĂŒcken ,da macht er einen Fehler. Auf einmal klopft er mir auf die Schulter und streicht die HĂ€lfte der „Straf“. Jetzt sind wir bei 100 Dollar. Anja und ich spannen, was hier grad passiert – der Typ will uns hier abziehen. Leider ist das gar nicht so schwer fĂŒr ihn, denn ich habe nicht damit gerechnet und alles was wir an Armenischer WĂ€hrung dabei haben in einem einzelnen Fach meiner Brieftasche. Wenn ich die jetzt aufmache, geht der Preis ganz schnell wieder nach oben. Ich möchte gern zum Motorrad gehen und das Geld reduzieren, aber er lĂ€sst mich nicht von dem Polizeiauto weg.

Anja und ich reden auf Deutsch miteinander und versuchen dabei einen Streit zu simulieren, was unsere Aussprache und Gestik angeht. Dabei versuchen wir aber zu besprechen, was wir jetzt machen sollen. Ich kann schließlich einen Teil der Kohle sichern. Ich drehe mich wieder zu dem Mann, um ihm schweren Herzens die 100 Dollar in Aremischen Dram in die Hand zu zĂ€hlen, doch dann bringt Anjas empörter Blick den Preis auf 70 Dollar runter. Offensichtlich hatte er entweder doch ein schlechtes Gewissen, oder er hatte mit mir Mitleid, weil ich jetzt Ärger mit meiner Frau habe.

Puuh, gut gehandelt, hĂ€tte ich gesagt. Auch wenn es ein prĂ€chtiger Tag fĂŒr die beiden Polizisten war. Jetzt bin ich aber dran. Ich will, dass die Jungs uns zu einer Versicherung bringen und wir die Papiere bekommen. Das klappt. Wir drehen also um und fahren wieder nach Dilijan. Mit einem Unterschied. Die gleiche Stecke, wo Anja mit 96 aufgehalten wurde, mĂŒssen wir jetzt 120 fahren, um an dem Polizeiauto dran zu bleiben. Die beiden ĂŒberholen alles und schneiden jeden, wĂ€hrend wir einfach versuchen hinterherzukommen.

Ich habe ein wenig das GefĂŒhl, die zwei wollen uns davonfahren, als wir so durch die Stadt brettern mĂŒssen. Doch dann halten wir an einem Guesthouse, das auch eine Versicherung zu sein scheint, an, und schon nach einer Stunde haben wir unsere nagelneuen Versicherungspapiere. Wobei wir hier aber nichts mehr bezahlen mussten. Also kostet diese Versicherung nichts, oder die 70 Dollar waren genug fĂŒr alles was hier grad bezahlt werden musste. ZusĂ€tzlich wurde Kaffee und Kuchen von den Polizisten besorgt. Na da könnte sich eine Kontrolle von deutschen Behörden mal eine Scheibe abschneiden. Ich versuche noch eine Schulterklappe von einem der Jungs abzuschwatzen, da ich einen Freund habe, der sich darĂŒber freuen wĂŒrde. Aber leider sind die beiden auf einmal empfindlich (tut mir leid, Marc). Auch Bilder dĂŒrfen wir nicht machen.

Wie man sich vorstellen kann, ist unser Zeitplan völlig im Eimer. Wir fahren den Pass zum See hinauf, wo wir einen Tunnel passieren mĂŒssen. Das ist deshalb eine ErwĂ€hnung wert, weil hier nicht nur das Prinzip einer BelĂŒftung in einem Tunnel unbekannt ist, sondern auch eine Abgas-Vorschrift. Schon als wir auf den Tunnel drauf zu fahren, wabern schwarze Abgaswolken daraus hervor. Die drei Kilometer ziehen sich endlos, denn die Laster, welche den Rauch produzieren, fahren im ersten oder zweiten Gang Vollgas, um die Steigung in dem Tunnel zu bewĂ€ltigen. Doch dabei erreichen sie eine Geschwindigkeit von maximal 30 km/h. Hustend und fluchend schaffen wir es kurz vor einer Abgasvergiftung den Tunnel zu verlassen. Als wir endlich wieder frische Luft atmen können, fahren wir eine ganz annehmbare Straße mit leichter Treppenstruktur abwĂ€rts zum Sevan See.

Wir halten uns ab jetzt an alle Geschwindigkeitsbegrenzungen, auch wenn wir da die einzigen Menschen in Armenien sind. Doch trotzdem werden wir noch einmal von der Polizei aufgehalten. Dabei zeichnet sich langsam ein Muster ab. Absteigen, Papiere zeigen, Pass zeigen, ĂŒberraschte Kennzeichenanalyse, HandschĂŒtteln, die paar Brocken Deutsch der Polizisten loben und dann können wir weiterfahren. Naja, wenigstens mussten wir nichts zahlen.

Es ist ein recht warmer Tag und wir sind froh, als wir den Ararat-Berg auftauchen sehen, der uns das nahe Jerewan anzeigt. In einer TĂŒrkischen Offensive, bei dem ein Genozid am Armenischen Volk verĂŒbt wurde, wurde auch dieser heilige Berg von Armenien getrennt. Den TĂŒrken ist eigentlich völlig Wurst, was das fĂŒr ein Berg ist, aber den Armeniern, die zum großen Teil Christen sind, ist der Berg, an dem die Arche Noah angelandet sein soll, ein heilige StĂ€tte.

Auf dem Weg, den wir in die Stadt nehmen, fĂ€llt uns als nĂ€chstes auf, dass eine Riesige Statue von einer Frau mit Schwert in die Richtung des Bergs blickt. Das ist die Mutter Armeniens, die symbolisch mit der gezogenen Waffe ĂŒber die Hauptstadt wacht. Im Laufe unseres Aufenthaltes hier stellen wir öfter im GesprĂ€ch mit Armeniern fest, dass dieser Genozid ein sehr heikles Thema ist, das oft tiefe GefĂŒhle bei den Leuten hier weckt, auch wenn es 100 Jahre zurĂŒck liegt.

Wir mĂŒssen uns aber hier als erstes mit dem Stadtverkehr dieser Hauptstadt messen. Dichtes Auffahren, knappe Überhohlmanöver, aber wir kommen damit klar. Was sich als viel schwerer erweist, ist die VerkehrsfĂŒhrung in der Stadt. Ich versuche das Navi zu lesen und uns irgendwie zu dem Hotel zubringen. Leider kann das GPS nicht unterscheiden, welches Level die Straße hat, wĂ€hrend wir wild ĂŒber BrĂŒcken und Tunnel ĂŒber und unter der Stadtautobahn kreuzen. Teilweise sind Abzweigungen einfach zu schlecht gekennzeichnet und ich ĂŒbersehe sie schlicht.

Nach einer halben Ewigkeit kommen wir an unserem Hotel an. Hier sind wir völlig platt, was die Ausstattung angeht. Ein edler Teppich liegt auf dem gefliesten Boden und die Angestellten haben allesamt Uniformen an. Überall goldfarbene Verzierungen und Kristallleuchter. StĂŒhle aus dunklem Holz mit feiner Polsterung. Wir kommen verschwitzt und mit dreckigen Motorradsachen in die Lobby und ich wĂŒrde sagen, „seltsam“ ist eine recht genaue Beschreibung unserer GefĂŒhle in diesem Moment.

Anja checkt und ein und ich hole schon mal die nötigsten Koffer von den Maschinen. Der Page möchte mir gern beim Tagen helfen, doch ich kann ihn ĂŒberreden unsere völlig verdreckten Koffer nicht anzufassen. Als wir uns noch schnell erkundigen, wann es denn FrĂŒhstĂŒck gibt, bekommen wir den dezenten und freundlichen Hinweis, dass es eine Kleidervorschrift in dem Restaurant gibt. Wir versprechen das wir uns umziehen, bevor wir Essen gehen. Ich habe das GefĂŒhl, dass ich Erleichterung auf dem Gesicht der netten Dame sehen kann. Dann geht es schnell unter die Dusche, denn wir wollen versuchen, die Benzinpumpe noch heute von Michael abzuholen. Dann kann ich die vielleicht morgen gleich einbauen. Wir lassen uns ein Taxi kommen, das vom Hotel ĂŒbernommen wird, und fahren in die Stadt.

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